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vkurz angerissen*

Weil Coming-Of-Age-Geschichten aus den 80er Jahren dank "Stranger Things" und "ES" momentan ein großes Ding sind, surfen Filmemacher, aber auch Kreative aus ganz anderen Medien (siehe Videospiel "Life Is Strange" oder in der Musik der aufblühende Zweig der "Retro-Synth-Wave") jetzt erwartungsgemäß auf dem Kamm einer Welle, die aktuell noch im Aufbäumen begriffen ist, bevor sie naturgemäß irgendwann in sich zusammenstürzen wird. Kevin Phillips will aber kein reiner Mitsurfer sein, sondern selbst Pionierleistungen vollbringen. Also lässt er uns einfach mal am eigenen Leib spüren, wie alt wir geworden sind, indem er als einer der Ersten die Dekade der 90er nostalgisch verklärt (nimmt man Frühstarter "Donnie Darko" aus den 00er Jahren einmal aus).

Zumindest aus der Perspektive heutiger Mitt- bis Enddreißiger ist das womöglich sogar die ergiebigere Perspektive, waren sie doch damals im gleichen Alter wie die Teenagergruppe, die in "Super Dark Times" vom Schicksal geohrfeigt wird. An der Rezeptur geändert hat sich natürlich nichts, allenfalls an den Zutaten; Mode, Jugendslang und Popkultur werden mit diskreter Hand um 20 Jahre zurückgedreht anstatt um 30, aber auch Philips vertraut dabei auf diffuse Symbolik, neblige Atmosphäre und einen dramatischen Point-Of-No-Return, dessen Irreversibilität das Kapitel "Kindheit" mit einem harten Nackenschlag beendet.

Wie die großen Klassiker des Coming-of-Age funktionieren, hat Phillips jedenfalls mit wachsamem Auge studiert. Aus seinen suburbanen Locations holt er ein Maximum an Schauwerten heraus und beschwört eine Epoche, die zur Gegenwart tatsächlich signifikante Unterschiede aufweist, wenn man genau hinsieht. "I Am Not A Serial Killer" arbeitete mit einer ähnlichen Optik, grau, trüb, in sich selbst versunken, obgleich dieser nicht explizit, sondern nur implizit an die 90er appellierte. Zarte Anleihen beim Surrealismus lassen die Treffen der Jugendlichen, insbesondere die eigentliche Wendung der Ereignisse, unwirklich erscheinen. Diesen Eindruck untermauert der Regisseur noch, indem er mit originellen Schnitttechniken die Alpträume seiner Hauptfigur illustriert und das Geschehene aus ihrer Perspektive somit verarbeitet.

Bevor das Finale anhand von Suspense fördernden Stilmitteln (vor allem einer exzessiv genutzten Parallelmontage) jedoch drastisch aufzeigt, dass der Schmerz des Erwachsenwerdens nicht immer einen natürlichen Weg geht, bannt Phillips sein Universum in einen merkwürdigen Status Quo, dessen Verzicht auf plottreibende Elemente man als durchaus gewolltes "Auge des Sturms" bezeichnen kann, der allerdings auch händeringend nach einem Ausweg aus der filmischen Lethargie sucht. Hier versäumt man es, der Stille eine signifikante Bedeutung aufzuerlegen. Die Leere, die man empfindet, bereitet nicht zwangsläufig den Ausbruch vor, der im letzten Akt wartet.

So ist "Super Dark Times" aufgrund seiner ästhetischen Qualitäten (neben der geisterhaften Optik auch der verzerrte Soundtrack) und der starken Darsteller ein sehenswerter Film, der allerdings im Mittelteil erzählerische Defizite aufweist - die vielleicht sogar zu vernachlässigen wären, gäbe es in der filmischen Aufbereitung vergangener Dekaden momentan nicht so viel Konkurrenz.

*weitere Informationen: siehe Profil

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