Review
von Leimbacher-Mario
Junge gesucht, Twist gefunden
Vielleicht waren noch etlichen grandiosen Espana-Thrillern aus den letzten Jahren meine Erwartungen etwas zu hoch, vielleicht liegt „Secuestro“ aber auch einfach deutlich unter dem Standard, den man mittlerweile von der iberischen Halbinsel auf den Spuren von Hitchcock gewöhnt ist. Was auch immer die Gründe sind: mir hat der Selbstjustiz-Krimi über eine Frau, die Rache für ihren entführten Sohn nimmt, nicht wirklich gefallen. Es ist sicher kein schlechter Film, doch im Endeffekt kann Ähnliches jeder dritte Tatort besser. Und das kann nicht der Anspruch sein von einem erstklassigen Nägelkauer aus Madrid und Co.
Der Look ist hochwertig, die regnerische Atmosphäre dicht, die Darsteller spielen auf einem sehr hohen Niveau (Macarena Gomez ist immer wieder eine Offenbarung, selbst in Nebenrollen!) und anfangs ist sogar richtig Zug, Neugier, Spannung drin. Doch nach und nach geht der Fokus verloren und mein Interesse schlief ein. Und in den letzten Minuten wirft der Film dann nochmal verzweifelt mit Twists um sich, da er scheinbar selbst weiß, dass das bis dahin viel zu wenig war. Und selbst diese wirken wenig überraschend geschweige denn homogen. „Secuestro“ wirkt scripttechnisch eher schnell gefertigt und wie eine Auftragsarbeit Paulos. Wirklich Herzblut oder Leidenschaft kann ich kaum erkennen, die Handlung wirkt extrem beliebig und an den Haaren herbeigezogen. Sogar trotz aller Kurven sehr behäbig und austauschbar. Den Todesstoß weg vom grünen Bereich gibt einem dann die Hauptfigur, die ich von Beginn an nicht leiden konnte, obwohl sie eine gute Mutter zu sein scheint. Egal wie sehr ich mich reinfinden wollte, emotional involviert war ich nur zu Beginn kurz. Der Rest wirkte wie Hausaufgaben bzw. eine misslungene Lehrstunde in Sachen Haken, Finten, falsche Fährten.
Fazit: im Vergleich zu anderen spanischen Krimis und Thrillern ala „The Body“ oder „The Invisible Guest“ kann „Secuestro“ nur enttäuschen. Er wirkt arg gestellt, gezogen, aufgebauscht und selten wirklich spannend, was auch mit fehlenden Sympathieträgern zu tun hat. Ansonsten ist er ein netter Zeitvertreib für einen verregneten Sonntagnachmittag, der aber genauso schnell vergessen ist wie sich Oriol Paulo dieses Mal die Wendungen aus dem Ärmel gequetscht hat. Da sollte mehr kommen.