Auf einem Waldweg im Spanien der Gegenwart wird ein kleiner Junge mit blutiger Kleidung aufgegriffen, der verwirrt scheint und nicht spricht - im Krankenhaus, wo keine weiteren Verletzungen festgestellt werden, können zwei Beamte dann die Eltern des Kleinen ermitteln: Es ist die alleinerziehende Star-Anwältin Patricia (Blanca Portillo), ein Alphatier Mitte Fünfzig, die den Beamten auch gleich Dampf macht, so schnell wie möglich den Schuldigen zu finden. Denn der kleine Victor (Marc Domènech), ein etwa 9-jähriger, sehr zurückhaltender Bub, von Geburt an taub und ohne sein Hörgerät, das er auf der Flucht verloren hatte, noch hilfloser, berichtet von einem bärtigen Kidnapper, der ihn vor der Schule entführt und in den Keller eines Hauses im Wald gesperrt hätte, aus dem er dann aber durch ein Kellerfenster entkommen konnte. Patricia, die als Einzige Zugang zu ihrem Sohn hat, übersetzt den Beamten dessen Gebärden und anhand eines angefertigten Phantombildes findet sich schon bald ein Verdächtiger aus der Verbrecherkartei, den Victor wiederzuerkennen glaubt: Der vorbestrafte Charlie (Andrés Herrera), kürzlich aus der Haft entlassen, passt genau ins Profil. Da ihm jedoch (auch dank eines falschen Alibis seiner schwangeren Freundin Raquel) nichts nachzuweisen ist, muß er nach kurzer Zeit wieder auf freien Fuß gesetzt werden - doch Patricia läßt nicht locker: Sie beauftragt den leiblichen Vater ihres Sohnes, den zwielichtigen Raúl (Jose Coronado, von dem sie sich vor Victors Geburt getrennt hatte), dem Verdächtigen mittels irgendwelcher Schläger eine Abreibung zu verpassen. Dummerweise räumt der kleine Bub dann ein, sich die Geschichte von der Entführung nur ausgedacht zu haben - doch da sind die Dinge schon im Rollen und können nicht mehr rückgängig gemacht werden...
Secuestro ist wieder einmal eine verzwickte Geschichte aus der Feder von Drehbuchautor Oriol Paulo (Julias Eyes, The Body), die zunächst langsam vor sich hin köchelt und dann durch unerwartete Ereignisse eine ganz andere Wendung nimmt als man vermuten könnte, um schließlich auf ein dramatisches Finale zuzusteuern, das noch die eine oder andere Überraschung parat hat. Daß es dabei auch einige Logiklöcher gibt, tut der aufgebauten Spannung jedoch keinerlei Abbruch.
Im Vordergrund steht die rigorose, mit allen Wassern gewaschene Staranwältin Patricia, die gerade noch einen der Unterschlagung bezichtigten Manager erfolgreich vor Gericht vertritt, als sie die Nachricht von ihrem Filius im Spital erhält. Schnurstracks dorthin eilend verabsäumt sie jedoch nicht, vorher noch die ihr gewogene Presse medienwirksam von diesem ihrem Unglücksfall zu verständigen, bevor sie (nebenbei auch Helikopter-Mama) ihren Sohn in die Arme schließt und die beiden biederen Polizisten zur Schnecke macht. Mit anderen Worten: Eine vom ersten Augenblick an in jeder Hinsicht unsympathische Frau, mit der man zu keiner Zeit warm wird, deren Auftreten aber gerade durch ihre ungute Art fasziniert: Wie diese dominante Person im Laufe des Films langsam, aber immer mehr die Kontrolle über die Dinge verliert ist eine von Blanca Portillo brillant dargebotene Charakterrolle. Kein Wunder, daß alle anderen Mitwirkenden zu Nebendarstellern degradiert werden, angefangen vom eher blassen Kinderdarsteller über den ex-Ehemann bis zum zu Unrecht verdächtigten Kleinkriminellen.
Eine höhere Wertung bleibt Secuestro allerdings nicht nur mangels geeigneter Sympathieträger verwehrt, sondern auch wegen ein paar Ungereimtheiten vor allem in der zweiten Filmhälfte: Dass die Kommissare einerseits so hemdsärmlig unbeholfen vorgehen und nicht einmal einen der Gebärdensprache mächtigen Dolmetscher auftreiben können, um den einzigen Zeugen (den Kleinen) zu befragen und stattdessen die befangene(!) Mutter eine Aussage ihres Sohnes formulieren lassen, sich weiters bei einer Geldübergabe mittels Peilsender wie Schulbuben abhängen lassen um andererseits nur mittels Handydaten und einer Überwachungskamera sofort die richtigen Täter per Computereinträgen zu ermitteln und dann auf den Schlag pünktlich zum Finale wieder auftauchen ist insgesamt wenig glaubwürdig - diese und andere Logiklöcher (z.B. das gekidnapte Kindermädchen - wieso wurde diese samt ihrem exponierten Schützlings nicht überwacht?) fallen allerdings bei dem sich steigernden Erzähltempo nicht wirklich auf. Wenn man nach Filmende die turbulenten Ereignisse sortiert, könnte man daraus auch folgern, daß am Schluss eigentlich (fast) jedeR das bekommt, was er/sie vedient...
Fazit: Ein weiterer Thriller aus Spanien, der trotz einer unsympathischen Hauptdarstellerin und einigen kleineren Unzulänglichkeiten durchweg zu unterhalten weiß: 6 Punkte.