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"Escape from Alcatraz" ist die letzte Zusammenarbeit des Dream-Team Eastwood/Siegel und sicherlich einer der besten Gefängnisfilme aller Zeiten, sei es in punkto Härte oder auch Realismus.

Das Drehbuch hält sich dabei weitestgehend an die Fakten des realen Falles rund um den Ausbruch von Frank Morris 1962, den man, ebenso wie seine zwei Mitausbrecher nie gefunden oder gefangen hat. Obwohl hier nicht angedeutet, geht man heutzutage jedoch davon aus, daß sie ertrunken sind.

Dabei wird die Symbiose aus historischen Tatsachen und dem Unterhaltungspotential geschaffen, die tunlichst vermeidet, Morris zu heroisieren oder freundlicher zu zeichnen, wie es z.B. bei "Der Gefangene von Alcatraz" geschah. Morris ist und bleibt hier offensichtlich ein Gewohnheitsverbrecher mit beachtlichem Intellekt und das Drehbuch gibt auch nur wenig Rückschlüsse auf einen Mann, über den wenig bekannt ist, das man hätte verwenden können. So erscheint Eastwoods Morris als ein Mann mit einer bewegten Vergangenheit, der in vielen Gefängnissen gesessen hat, aber nichts davon preisgibt, was zu Eastwoods knorriger, wortkarger Art paßt.

Morris ist und war hier kein Rebell, sondern ein Häftling, der stets bemüht war, aus einem Gefängnis auszubrechen, obwohl das in Alcatraz praktizierte System recht deutlich in Frage gestellt wird, weil es die Psyche und die wenigen Freuden seiner Insassen zerbricht. Das zeigt sich anschaulich und wenig plakativ über McGoohans Gefängnisdirektor, der das Gefängnis aus seiner persönlichen Weltanschauung heraus führt, eine menschenverachtende allerdings.

Siegel teilt den Film in zwei Hälften, wobei die erste die Figuren und ihre Beziehungen untereinander einführt und definiert, sowie die Lebensumstände auf Alcatraz portraitiert, während die zweite Hälfte fast völlig dem Ausbruch gewidmet ist. Detailreich geschildert, geht dem Film am Ende beim spannenden, aber beinahe überlangen Ausbruch leider ein wenig die Puste aus, wenn das straffe Konstrukt der ersten zwei Drittel durchzuhängen beginnt. Spannungsreichster Moment ist signifikanterweise dann auch die Selbstverstümmelung des Malers Doc, der suspensereich und einfallsreich aufgebaut ist.

Auf Gewaltorgien verzichtet der Film dankbarerweise, auch wenn Eastwoods Anwesenheit das vermuten lassen würde, sondern beschränkt sich auf das menschliche Drama und die unwürdigen Umstände. Siegel fängt das in realistisch-kühle, aber attraktive Bilder ein und reduziert alles auf den winzigkleinen Raum der Gefängnisinsel. Mit Ausnahme von einigen Szenen auf dem Transportboot am Anfang (mehr aus Morris' Sicht, mit dem einzigen Ausblick des erleuchteten Alcatraz) und der Schlußszene auf Angel Island, spielt der Film durchgängig auf der Insel (und innen im Gefängnisbereich), ein Konzentrationsprozeß, der sich lohnt.

"Escape..." war Eastwoods Abgesang auf die für ihn äußerst erfolgreichen 70er und führte ihn die zunächst noch kommerziell ertragreichen 80er, die allerdings qualitativ sicherlich den Tiefpunkt seiner Karriere bildeten, ehe er mit seinem Alterswerk der 90er zu alten Stärken zurückfand. Der Film ist zweifelsohne zeitlos, ein Knastdrama von klassischer Nüchternheit, daß kaum Kritikpunkte zuläßt. (9/10)

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