“It's a little south of no place and a little west of nowhere. So it's really hard to find."
Angesichts dessen, dass Gilligan's Island mehrere Anläufe zur Produktion überhaupt brauchte, mit “Marooned“ einen aufwändigen ungesendeten Pilotfilm besitzt, danach noch drei Umbesetzungen durchlaufen hat, bei der Erstausstrahlung ab Herbst 1964 keinerlei sonderlich beeindruckende Einschaltquoten und auch nur eine vergleichsweise kurze Laufzeit von ursprünglich drei (und damals auch keiner Träne nachgeweinten) Staffeln aufwies, hat die Serie eine erstaunliche Nachhaltigkeit bewiesen und eine ebensolche Karriere hinter sich. Die Prämisse der Serie selber, die Ausgangslage ist selbst denjenigen bekannt, die die Produktion nicht aktiv verfolgt haben und denen auch weder Macher noch Darsteller oder Szenen bzw. ganze Episoden bewusst sind. Zudem – oder vielleicht auch erst der Grund für dieses kollektive Wissen, obwohl die Ursprungsserie kein Produkt für die Massen war – folgten neben gleich mehreren Animationen und Spin-offs dessen (wie The New Adventures of Gilligan, 1974 & Gilligan's Planet, 1982) auch ab Rescue from Gilligan's Island (1978) mehrere Fernsehfilme als Art Reunions über ein Jahrzehnt später, und mit Dusty's Trail (1973) auch noch ein kurzlebiger 'Nachfolger', der das Setting in den Wilden Westen ver- und zurücklegte und sich dort statt wie hier dem Entkommen von der Insel um das Erreichen eines verlorenen Treks drehte. [Heutzutage wird die Geschichte vor allem von den 'Jüngeren' wohl eher mit dem (auch tatsächlich neue Abenteuer erzählenden) Zeichentrick verknüpft als mit der Studiorealität, und manche haben vielleicht auch die Baywatch-Folge “Now Sit Right Back and You'll Hear a Tale“ oder Roseannes “Sherwood Schwartz: A Loving Tribute“ bzw. “Somewhere Over the Re-run a.k.a. The Ballad of Gilligan's Island“ bei Alf gesehen.]
“The drama is inherent in the series. It's life and death for those Castaways. How much more dramatic can you get?“
Interessanterweise ist der Dreh- und Angelpunkt auch gar kein lustiger, weder im engeren noch im weiteren Sinne; höchstens im surrealistischen, traumhaften Bezug (oder für unbedingte und zivilisationsmüde Aussteiger) vielleicht. Das Stranden auf einer einsamen Insel nach einem Schiffbruch, sonst als Grundlage für eventuell eine abenteuerliche Robinsonade (wie im Titellied auch angesungen), oder den Psychothrill, als Studie im Verhalten der Menschen untereinander oder im Umgang mit der körperlichen und seelischen Belastung angesichts von Darben, Entbehren und der Todesangst, die diesem Zustand des Aussetzens auf einem isolierten Atoll 'normalerweise' umgibt. [Das erinnert ein wenig an die berühmt-berüchtigte Folge der I Love Lucy Show, in der zwei Frauen die ganze Zeit bei laufenden und entsprechend stetig steigenden Wasser fast in ihrer Duschkabine ertrinken, zum Vergnügen des Live-Publikums, die auch den Beinahetod der Hauptdarstellerin gar nicht als tatsächliche Gefahr mitkriegen. Spätere Parodien auf Katastrophenfilme oder auch die gescheiterte Post-Apokalypse Sitcom Woops! (1992) haben das Thema dann noch deutlicher platziert.]
Eine eher seltsame bis absonderliche Idee also von Sherwood Schwartz also, möglicherweise mehr oder minder durch Atoll K (1951), den letzten Auftritt von Laurel und Hardy inspiriert, die hier das Fundament für exakt 98 Episoden und das mehrere Jahre, mit den Filmen hinzugerechnet gar Jahrzehnte dauernde Eingesperrtsein auf einem von vier Seiten Wasser umgebenen Stück Land erstellt.
“The same seven people on the same island?“
In jüngerer Zeit die Synopsis für allerlei Schrecklichkeit (Cast Away, 2000, Lost bzw. Verschollen ab 2004) wird hier natürlich nur der Frohsinn, allerdings verbunden auch eng mit dem Gedanken der Rettung und des Entkommens aus der Falle heraus an den Tag gelegt. Eine Art Traum, wie auch Traumszenen später oft die Serie erweitern und zumindest in der Fantasie und in die Fantasie entfliehen. Auch eine Umkehrung der Normalität, in der entsprechend dessen schon der Schiffbruch selber nicht als Katastrophe, sondern für alle Beteiligten als unmerkbar, als im Schlaf erlebend dargestellt wird. Die Meisten liegen noch selig in der Koje, mit der warmen Decke eingemummelt und schützend zugedeckt. (Sowohl “Marooned“ als auch die offizielle erste Folge sind im Auftakt identisch, nur mit teils anderen Schauspielern.) Auch das erste Erwachen und der Anblick von Sonne, Sand, Palmen, und dem blauen Himmel – mal angenommen; das US-Fernsehen wurde erst in der zweiten Hälfte der Sechziger farblich und ist hier noch schwarzweiß – ist die Reisenden am Verzücken und wird nicht als Nachteil registriert. Gilligan selber merkt es sehr wohl, was allerdings die Basis für die ersten schnellen und lauten Gags, den sowieso zahlreich noch kommenden Slapstick (Sturz von der Reling in den Sand, wo er dann cartoongleich mit ausgestreckten Armen und Beinen und platt wie eine Flunder dann liegt. Eine Kokosnuss auf den Kopf. Mehrere Kokosnüsse auf den Kopf, etc., oft sogar wie zu Zeiten des Stummfilms im Schnellvorlauf) besonders ist.
Die Umkehrung des Entsetzens direkt und (nahezu) komplett in die (kindliche) Abenteuerlichkeit, die Lustigkeit und das Überspielen, den verlängerten Urlaub an der Lagune quasi, wofür dann auch die Besatzung selber und ihre Klischees und die Schnelligkeit der Eröffnung, der Überrumpelungseffekt zuständig sind. In nur sieben anwesenden Personen – von denen man zwei, nämlich den Professor und Mary Ann nicht mal im informierenden Titellied erwähnt, und damit ausgerechnet die, die konsequent am meisten zur Harmonie und Versorgung beitragen, erstmal außen vor lässt – hat man (abseits der Hautfarbe, die bei jedem weiß ist) jeden erdenklichen, wenn auch einfachen Gegensatz gewebt. Ein sozialer Mikrokosmos. Reisende und Schiffscrew. Stadt und Land. Arm und Reich. Mann und Frau. Verheiratet und Solo. Alt und jung. Gross und klein. Dick und dünn. Laut und leise. Intelligent und naiv. Blond und brünett. Ginger oder Mary Ann? (Eine Frage, die in die Umgangssprache mit einging und bis heute diskutiert wird. Und: Mary Ann natürlich) Die Personen oder eher ihre Funktion und die Situation werden schon im Eingangslied vorgestellt, ein damals gängiges Prozedere, dass selbst dem Unkundigen bzw. erst später einschaltenden, dem Nachzügler das Wenige an Narration bereits tafelfertig bereitlegt und so narrensicher auch bspw. mittig in der Staffel noch an die Hand nimmt.
So erlebt man in den ersten Erzählungen mit, wie man in Episode 1 “Two on a Raft“ ein Floß baut und wie nicht, sich in Episode 2 “Home Sweet Hut“ ein Lager errichtet und mühsam vor den Ungeschicklichkeiten Gilligans bewahrt und erhalten wird, wie man in Episode 3 “Voodoo Something to Me“ mit (imaginären) Gefahren umgeht und in Episode 4 “Good Night Sweet Skipper“ das Schlafwandeln zur Eingebung nutzt und erneut wieder das Radio zum Transmitter umfunktionieren will. (In dem bis dato nicht gezeigten Pilotfilm "Marooned" war es auch Teil des Plots.) Man möchte schon weg, und ist dies wie in Episode 8 “Goodbye, Island“ auch Sinn und Zweck von all dem Trubel davor, aber bis dahin arrangiert man sich, mit einem selbst aufgeführten (Off-)Broadwaystück wie in Episode 11 "Angel on the Island" z.b., und so richtig eilig hat es selbst das verwöhnte und den Status quo kritisierende Luxus-Pärchen und das aus ähnlichen Holz geschnittene Showgirl nicht, eher Angst, man könnt ja etwas in der Geschäfts- und Glamourwelt verpassen und ist von der Berühmtheit zu weit weg. [Dass in Folge 6 "President Gilligan" und in Folge 14 "Water, Water Everywhere" vorübergehend die Wasservorräte zur Neige gehen und in Folge 7 "The Sound of Quacking" dann das Essen rationiert wird, passt natürlich auch nicht.]
Zum Greifen nah ist das Entkommen von der Insel in Folge 5 “Wrongway Feldman“, in dem man per Zufall auf eben jenen legendären Piloten und seine vor Jahrzehnten notgelandete, aber nach Reparaturen noch funktionierende Maschine trifft. Die erste Episode, die mit einem Gastspiel eines Außenseiters als (kurzer, vorübergehender) Neuankömmlinge gegenüber der verschworenen Gemeinschaft der 'Castaways' und dem Bruch der Isolation spielt. Viele weitere dieser Geschichten wie Folge 15 "So Sorry, My Island Now" um einen sich noch im Zweiten Weltkrieg wähnenden und entsprechend aggressiv gebenden Japaner oder Folge 17 "Little Island, Big Gun" um einen Bankräuber auf der Flucht sollen noch folgen, ist sie Insel auch über Jahre und Jahrzehnte scheinbar nicht vollständig zu überblicken und auskundschaften und so Quell ständiger gesellschaftlicher Überraschungen und sozialen Glücks.
Verfechter der Theorie, dass hier ein sozialistisches oder kommunistisches Szenario gezeichnet wird (wie in der Dokumentation The Gilligan Manifesto, 2018 als Haupt- und Schwerpunktthema), bekommen in Folge 9 "The Big Gold Strike" um eine zufällig gefundene Goldmine, spätestens in Folge 13 "Three Million Dollars More or Less" eine andere Möglichkeit serviert. Nicht bloß, dass ursprünglich Skipper und sein Little Buddy als einziges arbeiten (an einem Aussichtsturm nämlich, während bspw. das Ehepaar am Golfen ist), auch führt ein imaginärer Gewinn von Gilligan von 3 Mio. USD aus Spielwetten gegen den Milliardär zu einem vollkommen veränderten Verhalten aller Beteiligten (ähnlich wie nach der kurzen 'Regierungsbildung' in Folge 6), was alles andere als einer Gleichberechtigung aller und ein Gemeinwohl aller entspricht. Zwar entscheidet in Folge 16 "Plant You Now, Dig You Later" in einem 'Gerichtsprozess' als selbsternannter Richter der Professor nach einem Streit von Gilligan und Skipper mit dem Millionär um eine von Gilligan (als nicht entgoltener Arbeitnehmer von Howell III) gefundene Schatztruhe salomonisch für ein Allgemeingut der gefundenen ominösen Kiste, wird aber vorher mit allen Mitteln und allen eingespannten Beteiligten heftig darum diskutiert. Und selbst nach dem Urteilsspruch ist der 'Schatz' nicht für alle bestimmt, sondern werden die anderen ausbezahlt und die vermeintliche Beute für sich selber akquiriert.