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Mit 18 hat man noch Träume und Pläne - so geht es auch dem Schüler Addison Schacht (Ansel Elgort), der gerade seine Bewerbung für das College abschickt und diesen Moment mit seiner Videokamera festhält. Freundin Phoebe (Chloë Grace Moretz) ist mit von der Partie, mag sich aber nicht so recht mit dem Gedanken anfreunden, daß Addison demnächst von Washington DC nach Chicago zieht - falls er angenommen wird. Das Thema Sex hatten die beiden bislang noch ausgespart, doch Phoebe ergreift hier schnell die Initiative: ihre Mutter habe gerade einen Termin und sei sicher nicht zuhause, und da wäre es doch passend für die beiden Jungfrauen, diesen Status schnell und unkompliziert loszuwerden. Addison ist etwas überrascht, willigt jedoch schnell ein. Am Weg dorthin holen sie sich noch einen Burger in einem Schnellimbiß, wo ihr gemeinsamer Freund und Schulkollege Kevin (Jared Kemp) gerade jobbt. Solchermaßen gestärkt fahren die beiden Richtung sturmfreier Bude. Doch kaum sind sie weg, hält ein Motorrad vor dem Imbiß, und ein Mann stürmt herein. Ein Schuß fällt.
Davon bekommen Addison und Phoebe jedoch nichts mit - die zelebrieren gerade ihr erstes Mal mit all den bekannten Fragen, die sich dabei so stellen: das war es also. War ich gut? Hat es Spaß gemacht? Da klingelt der Pager von Addison, der immer noch kein eigenes Handy hat, und auch Phoebes Mutter ruft ihre Tochter an - es muß etwas passiert sein. Die Nachricht vom Tod eines Schülers in einem Washingtoner Imbiß läuft auf allen TV-Kanälen, die Polizei ermittelt - das junge Paar ist schlicht sprachlos. Gerade noch haben sie mit Kevin geflachst, und jetzt ist er tot. Und die Polizei mutmaßt auch noch öffentlich, daß der dunkelhäutige Kevin wohl Opfer einer Gang-Auseinandersetzung wurde.
Addison ist empört - er kannte doch das Opfer: nie im Leben hatte der etwas mit Gangs zu tun. Mit dieser Meinung geht er in den darauffolgenden Tagen angefangen vom Schuldirektor über die Mitschüler bis hin zum leitenden Officer allen auf die Nerven, auch Phoebe ist ob der Direktheit, mit der Addison den Fall auf eigene Faust klären will, das eine oder andere Mal peinlich berührt. Doch nichts scheint Addison, der erst kürzlich seine Mutter verloren hatte, davon abzubringen, den seiner Meinung nach seitens der Polizei stiefmütterlich behandelten Mordfall zu lösen. Damit jedoch begibt sich der junge Mann selbst bald in höchste Gefahr...

Regisseur und Drehbuch-Co-Autor Sasha Gervasi läßt in seiner Coming-of-Age-Geschichte November Criminals zwei junge Menschen in eine schwierige Situation geraten, aus der es keinen einfachen Ausweg gibt: der wenig lebenserfahrene Addison kennt bei seiner Feld-Wald-Wiesen-Suche nach der Wahrheit weder Freund noch Feind und stößt damit auch sein wohlwollendes soziales Umfeld ein ums andere Mal vor den Kopf, selbst Phoebe kann ihn kaum bremsen. Aber hat er nicht recht, so aufzubegehren, wenn der gewaltsame Tod eines Schulfreundes nach wenigen Wochen zu den Akten gelegt wird, da die Mordrate in Washington DC viel zu hoch ist, um sich mit einem einzelnen Opfer, einem von vielen, länger auseinanderzusetzen?

Zur Beantwortung dieser Frage, über die das Publikum selbst entscheiden muß, wartet das Drehbuch mit einer ausreichend langen Charakterisierung der Hauptdarsteller auf: sowohl Addisons alleinerziehender Vater Theo (mit David Strathairn hervorragend besetzt) als auch sein spießiger Schuldirektor üben einen gewissen Einfluß auf den jungen Hobbyfilmer aus, der ganz bewußt mit einem antiquierten Pager statt einem Handy arbeitet und all seine Wege in einem uralten BMW 2002 erledigt. Sehr schön herausgearbeitet auch die Beziehung zu Phoebe, die innerlich mit sich kämpfen muß, ihren wie ein junger Hund überall herumschnüffelnden Freund jedoch nie im Stich läßt, trotzdem sie es keineswegs billigt, wenn sich Addison in völliger Unkenntnis der Gefahren zur persönlichen Befragung angeblicher Zeugen stets sofort selbst hinters Steuer setzt, sobald er einen neuen Hinweis erhalten hat.

Während man am Realitätsbezug des Plots Zweifel anmelden könnte - der Schüler läßt sich direkt und ohne Absicherung mit äußerst zwielichtigen Typen ein, kommt damit aber erstaunlicherweise lange Zeit unbeschadet durch - ist das Geschehen somit zwar nicht sonderlich spannend, dafür aber durchwegs unterhaltsam. Hauptdarsteller Ansel Elgort (Baby Driver) liefert in der Darstellung des sensiblen, aber beharrlich nur der Wahrheit verpflichteten Addison eine überzeugende Performance ab, der man gerne folgen mag, und auch die Chemie zwischen ihm und Moretz passt perfekt.
November Criminals ist daher auch vielmehr ein einfühlsam erzähltes Drama denn ein Thriller, da die Krimi-Elemente - entgegen dem Titel - weitgehend im Hintergrund bleiben. 6 Punkte.

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