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Ein Blick hinter die dicken Klostermauern früherer Zeiten ist vor allem für Leute interessant, die mit den Traditionen und Bräuchen der katholischen Kirche rein gar nichts am Hut haben.
Im Coming-of-Age-Drama von Autorin und Regiedebütantin Maggie Betts geht es jedoch nicht nur um Glaubensfragen, sondern um die Auswirkungen des Zweiten Vatikanischen Konzils, welches manche als eine Art Revolution betrachten.

1964: Die siebzehnjährige Cathleen (Margaret Qualley) beschließt gegen den Willen ihrer allein erziehenden Mutter Nonne zu werden. Unter der strengen Obhut der Oberin (Melissa Leo) unterwerfen sich die jungen Anwärterinnen den täglichen Abläufen. Doch schon bald kommen Cathleen Zweifel an ihrer Entscheidung, während der Oberin die Entscheidungen des Konzils ins Haus flattern, welche die traditionsbewusste Leiterin zunächst komplett ignoriert…

Hinsichtlich der Regeln im Kloster herrscht für Nicht-Christen in den ersten Minuten ungläubiges Kopfschütteln: Ab 21 Uhr gilt die „Große Stille“, es ist nur Zeichensprache erlaubt, der Blick wird stets nach unten gerichtet und wer im „Gesprächskreis“ seine persönlichen Fehler offenbart, muss als Konsequenz auch mal eine Selbstgeißelung hinnehmen. Berührungen sind ebenfalls nicht gestattet und spätestens damit beginnen die Probleme für die jungen Heranwachsenden.

Dabei geht es nicht vordergründig um Sex, sondern um menschliche Nähe, um Wärme, um einen emotionalen Austausch außerhalb der Gottesfurcht. Das zu dieser Zeit stattfindende Konzil war für die Kirche ein Aufbruch in die Moderne, man wollte auf andere Religionen zugehen und die Regeln für Nonnen ein wenig entschärfen, was die Oberin, die im Grunde 40 Jahre nichts anderes kannte, nicht so einfach hinnehmen will.

Daraus bezieht die Erzählung primär in der zweiten Hälfte ihre Spannung, denn es ist ein stetes inneres Aufbäumen sichtbar: Cathleen, die hungert, um Gedanken anderen Hungers entgegenzuwirken und die Oberin, die eigentlich weiß, dass sie entgegen der neuen Richtlinien der Kirche handelt.

Maggie Betts erzählt angenehm ruhig, konzentriert sich jedoch stets aufs Wesentliche und kann sich dabei auf die teils herausragenden schauspielerischen Qualitäten ihres Casts verlassen. Allen voran Qualley, die speziell bei Soloszenen zu überzeugen vermag und der man die uneingeschränkte Liebe zu Gott genauso abnimmt, wie den Wunsch nach menschlicher Nähe. Melissa Leo erinnert mit ihrer Figur ein wenig an Schwester Ratched aus „Einer flog übers Kuckucknest“ und hat ebenfalls einige starke Momente.

Man mag einige Ordensschwestern als Verlust für die Männerwelt ansehen, hier gibt es den Blick auf die andere Seite. Das gerät nie pathetisch, zu keiner Zeit moralinsauer, im letzten Drittel allerdings recht emotional, ohne dabei die zeitgenössischen Fakten aus den Augen zu verlieren. Handwerklich ohne Tadel und dramaturgisch durchdacht liefert Maggie Betts ein ansprechendes Debüt ab, welches vorzugsweise in ruhiger Grundstimmung gesichtet werden sollte.
7,5 von 10

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