Review
von Leimbacher-Mario
Der Feind macht mich wuschig
"The Beguiled" ist unbeschreiblich schön und erinnert mich mit seiner natürlichen Beleuchtung und den vielschichtigen Texturen sogar teilweise an "Barry Lyndon". Ein hübscherer & feiner gespielter Film ist dieses Jahr sicher schwer zu finden. Leider bleibt die Story etwas im Leerlauf, endet wenig spektakulär und gerade wenn man den Trailer kennt, sind so gut wie alle Überraschungen im Eimer. Für Letzteres kann der Film an sich zwar nichts, ärgerlich ist es trotzdem.
Außerdem sollte man nicht unbedingt mit dem 1971er-Siegel/Eastwood-Original vergleichen, da dies mindestens eine Klasse höher spielt und inhaltlich wesentlich fordernder ist. Nicht umsonst ist die erste Adaption des Buches ein Kultklassiker. Nur optisch macht der Coppola-Version keiner was vor und der weibliche Blickwinkel ist erfrischend, anders, soft und erotisch zugleich. Beide Versionen haben ihre Stärken, das Remake ist sicherlich eines der besseren seiner Art und hat Daseinsberechtigung. Ein klasse Film. Nur eben kein Meisterwerk oder Erfahrung, die lange bei einem bleibt.
Es geht um einen Nordstaaten-Soldaten, der im Civil War in einer Mädchenschule im tiefsten Süden schwer verletzt Unterschlupf findet. Allein seine Präsenz als einziger Mann lässt die Mädels unterschiedlichen Alters verrückt spielen und schnell kochen nicht nur die Hormone über... Sophia Coppola hat optisch echt eine Menge drauf und bringt hier ihren Stil ein, wie vielleicht noch nie zuvor. Das muss man auf großer Leinwand sehen, das ist ein audiovisuelles Unikum.
Inhaltlich brillieren vor allem die Darsteller. Alle Figuren sind tiefgründiger und cleverer als man denkt, jede Dame geht mit dem Feind im eigenen Haus, Herz, Höschen, anders um. Kidman zeigt mal wieder ihre Extraklasse, Dunst spielt vielleicht den zerrissensten Charakter, Fanning ist ein genial-frühreifes Früchtchen und Farrell hat Charme, Look und mysteriöse Faszination auf seiner Seite. Ein Ensemble, das sich gewaschen hat. Vielleicht etwa zu sehr, denn manchmal wirkte mir alles etwas zu lieblich und unangetastet. So richtig sexy wurde es selten und man hat das Gefühl, dass irgendwo noch eine Handbremse angezogen war. Irgendwie hätten der extrem simplen und twistarmen, fast schon antiklimaktischen Geschichte noch mehr Tiefe und Themen gutgetan. Immerhin schön kurz ist er.
Fazit: optisch eine Schönheit und mal eine andere Seite der klassischen Geschichte - sexy, feminin, sinnlich. Ambivalente Blicke, greifbare Atmosphäre, ein Slowburn der seichten Spannung. Faszinierend aber schnell vergessen.