Ziemlich genau zwanzig Jahre nach seinem bekanntesten Streifen „Funny Games“ scheint Berufs-Pessimist Michael Haneke ein wenig den Biss verloren zu haben. Sein „Happy End“ welches minimal doppeldeutig interpretiert werden kann, wirkt fast wie ein vages Best-of seiner bisherigen Filme.
Nach dem Suizidversuch ihrer Mutter landet die dreizehnjährige Eve (Fantine Harduin) in der Villa der Bauunternehmerfamilie Laurent in Calais. Ihr Vater Thomas (Mathieu Kassovitz) lebt in zweiter Ehe mit Frau und Kleinkind und hat nebenher eine Affäre mit einer Musikerin. Patriarch Georges (Jean-Louis Trintignant) ist des Lebens überdrüssig, dessen Tochter Anna (Isabelle Huppert) will an die Spitze des Unternehmens, während ihr Sohn Pierre (Franz Rogowski) sich fürs Management als untauglich erweist. Doch auch Eve hat ihr Päckchen zu tragen…
Immerhin geht der mittlerweile 76-jährige Haneke mit der Zeit, denn nunmehr bezieht sich die Medienschelte auf digitale Umgangsformen. Sein Werk steigt mit einem Smartphone-Video im Hochformat ein, später gibt es ausladende Chats und einen You-Tuber, nur das Familienoberhaupt liest noch Zeitung. Der digitale Alltag als Ausgrenzung, vor allem jedoch als Symbol der Isolation.
Denn die Familie Laurent ist eine furchtbar unsympathische Familie, die in ihrer dekadenten Art die äußere Fassade zu wahren versucht, welche schon längst bröckelt. Es herrschen Gefühlskälte, Egozentrik und vor allem Teilnahmslosigkeit. Eve ist der Mittelpunkt des Geschehens, denn sie beobachtet viel, steht dem Treiben allerdings weitgehend passiv gegenüber und bringt es ihrem Vater gegenüber treffend auf den Punkt „Du bist so weit weg.“.
Ebenfalls bezeichnend ist ein Krankenbesuch im Hospital: Tür auf, zehn Sekunden am Bett, keine Berührung, keine Geste und weg, - zynischer kann man mangelnde Zwischenmenschlichkeit kaum auf den Punkt bringen.
Leider beschäftigt sich Haneke überwiegend mit Fragmenten der Individuen, wodurch kaum jemand intimer in den Vordergrund rückt. Jene Teilnahmslosigkeit überträgt sich ein wenig auf den Zuschauer, dem die Figuren weitgehend gleich sind, vielleicht mit Ausnahme des Alten, den man mit seiner grantigen Art und den Ansätzen einer Demenz einfach gern haben muss.
Entsprechend sperrig kommt die Erzählung daher, die sich vieler starrer Perspektiven mit langen Einstellungen bedient, mit wenigen Dialogen auskommt und manche gar ausspart, während erst gar kein Score zum Einsatz kommt. Natürlich muss jederzeit mit kurzen heftigen Gewalteinlagen gerechnet werden, doch diese kündigen sich meistens weit im Vorfeld an und erreichen zu keiner Zeit die schockierende Wirkung früherer Werke. Im Gegensatz dazu gibt es vereinzelte Auflockerungen wie einen völlig behämmerten Karaoke-Auftritt oder die Entgleisung bei einer Geburtstagsfeier gegen Finale.
Dysfunktionale Figurenkonstellationen waren schon immer das Steckenpferd Hanekes und auch hier demontiert sich eine Familie nach Strich und Faden.
Das ist nicht immer unterhaltsam, oftmals ein wenig zäh, jedoch herausragend geschauspielert, vor allem von Jungmimin Harduin und Urgestein Trintignant (Jahrgang 1930).
Mit einem Handlungszentrum oder einer aktiveren Figur wäre das Ergebnis wahrscheinlich kurzweiliger ausgefallen, denn so bleiben, - gleich dem Aufbau, am Ende nur einzelne Fragmente in Erinnerung.
6 von 10