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In manchen Zeiten bedurfte es starker Persönlichkeiten, um in bestimmten Berufsfeldern eine progressive Stimmung einzuläuten. Mit Elizabeth Jane Cochrane, die unter dem Pseudonym Nellie Bly aktiv war, beschäftigte sie sich als eine der ersten Frauen aktiv im Enthüllungsjournalismus. Gefördert vom Verleger Joseph Pulitzer schrieb sie einen umfassenden Artikel über eine Nervenanstalt und erhielt für ihren mutigen Einsatz viel Lob von allen Seiten.

Im Jahre 1887 wird die junge Journalistin Nellie (Caroline Barry) gebeten, die Umstände einer Nervenheilanstalt aufzudecken. Sie gaukelt ihrem Umfeld ein Nervenleiden vor und landet schließlich auf Blackwell's Island im East River von New York, wo Patientinnen unter der Leitung des arroganten Dr. Dent (Christopher Lambert) unmenschlich behandelt werden. Doch kann Nellie überhaupt auf Rettung von außen hoffen, während ihre Laudanum Ration stets erhöht wird?...

Auch ohne den historischen Hintergrund bietet die Prämisse sauberen Stoff für ein Drama mit Thriller-Elementen. Zu jener Zeit tappten viele Psychologen noch im Dunkeln, probierten diverse unerforschte Substanzen an ihren Patienten aus und mussten mit Personal vorlieb nehmen, welches ungeschult in einem hochsensiblen Job arbeiten musste. Hinzu kamen Patientinnen, welche völlig grundlos dort einsaßen, wie eine verstoßene Ehefrau, eine verarmte Arbeiterin oder eine junge Mutter mit französischem Migrationshintergrund. Klar ist nur: Wer bis dato nicht bereits verrückt war, wurde es binnen kurzer Zeit, zumal die dürftige Kleidung, das wahrlich schlechte Essen und die mangelnde Hygiene oftmals zu tödlich verlaufenden Krankheiten führte.

In diesem Moloch ermittelt Nelly und nähert sich nach und nach einigen Patientinnen an, versucht zu helfen und eckt rasch an, da ihr nahezu aufmüpfiges Verhalten etwas leicht rebellisches an sich hat und einigen Ärzten ein Dorn im Auge ist. Vieles erinnert an die Ausgangslage von „Einer flog übers Kuckucksnest“, nur dass wir es hier kaum mit schillernden oder markanten Persönlichkeiten zu tun haben.

Lambert performt erschreckend blass und unmotiviert, Barry kommt als Nellie nie wirklich so entschlossen rüber, wie es ihre Figur verlangt hätte, während lediglich die fiesen Pflegerinnen einigermaßen glaubhaft rüberkommen. Ein weiteres Problem ist die mangelnde Authentizität infolge zu sauberer Erscheinungen, insbesondere der stets frisch gekämmten Haare, der makellosen Haut und den strahlend weißen Zähnen. Offenbar hatte die Make-up Abteilung zur Zeit der Dreharbeiten Urlaub.

Leider kommen auch die Kulissen ein wenig künstlich rüber. Zwar ist das Interieur der Anstalt angemessen karg ausgestattet und die Insel wirkt im Kontrast dazu beinahe malerisch, doch die Straßen New Yorks erscheinen eher wie fein digitalisierte Geschichtsbilder ohne Seele. Demgegenüber vermag der Vorspann zu erfreuen, in dem historische Fotografien durch Bewegungen von Gesichtern oder Armen etwas spielerisch Lebendiges erhalten, - eine tolle Idee, von denen es im Verlauf der Erzählung deutlich mangelt.

Natürlich macht es betroffen, wenn unschuldige junge Frauen bestraft werden, weil sie ein Buch lesen und damit angeblich den Geist befeuern oder wenn jemand in abgestandenes, kaltes Badewasser gesteckt wird, obwohl bereits deutliche Symptome einer starken Erkältung bemerkbar sind. Doch im Kontext der fiesen Umstände hätte man weitaus drastischer zu Werke gehen müssen, denn oftmals werden Details ausgeklammert, manche Begebenheiten werden allenfalls angedeutet, so dass es leider nur selten spannend zugeht.

Dennoch vermag der Stoff einigermaßen zu unterhalten, vorausgesetzt, die Fantasie des Zuschauers komplettiert gewissermaßen die katastrophalen Umstände in der Anstalt. Der historische Hintergrund und die wichtige Funktion Nellie Blys tragen ebenfalls zum Sympathiebonus bei, wodurch der Film zwar seine Daseinsberechtigung erfährt, jedoch nie in die Vollen geht, um mit emotionaler Wucht zu fesseln.
5,5 von 10

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