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Jäger der verlorenen Pädagogik - Anakin im Wald

Anakin Skywalker meets John McClane. Was vor 20 Jahren noch ein moderates Rauschen im Blätterwald verursacht hätte, ist heute bestenfalls noch ein Aufregerchen für die von allerbilligstem DTV-Schrott gebeutelten letzten Mohikaner der Filmverleih-Stätten. Denn obwohl der eine nie eine richtige Karriere haben durfte und der andere die seinige seit geraumer Zeit engagiert selbst demontiert, sind das irgendwie immer noch klingende Namen, die den ein oder anderen Kunden zum Zugreifen animieren könnten. Ob sie das auch sollten, steht allerdings auf einem ganz anderen Blatt.

Immerhin schwingt ein gewisser Steven C. Miller das Regiezepter. Schon klar, den muss man nicht kennen, auch nicht schätzen, aber der Mann versteht es, in sehr kurzer Zeit mit recht wenig Geld erstaunlich wertige Fließbandarbeit abzuliefern. Und er mag Bruce und Bruce mag ihn, was kaum verwundert, denn auch der kommt so in den Genuss dieser überaus attraktiven Aufwand-Ertrag-Offerte. Ein Genuss, der schnell zur lieben Gewohnheit geworden ist, denn nach „Extraction" (2015) und „Marauders" (2016) gibt er mit „First Kill" schon zum dritten Mal binnen zwei Jahren den Marketing-Onkel für Neu-Kumpel Steven. Denn über eines sollte man sich im Klaren sein, Willis ziert das Cover und bewirbt den Film, aber sein Auftritt ist lediglich der eines besseren Sidekicks. „First Kill" ist da keine Ausnahme.

Die Hauptrolle spielt eindeutig Hayden Christensen und das gar nicht mal schlecht. Gut, als erfolgreicher Broker ist er in ungefähr so überzeugend wie Darth Vader als Sozialpädagoge, aber das ist lediglich ein schnell sehr unwichtiger Aufhänger. Denn Will ist gleichzeitig Vater eines 11-Jährigen, der bei seinen Altersgenossen ein gern gesehenes Mobbing-Opfer ist. Also kommt Will auf die Idee übers Wochenende mitsamt Gattin und Sohnemann in die wäldliche Einöde seiner Jugend zu fahren. Dort soll Danny dann in aller Ruhe Schießen und Jagen lernen, in der väterlichen Hoffnung einer langsam überfälligen Männlichkeitswerdung. Das klingt schon deutlich mehr nach Vaderscher Pädagogik, womit Hayden wieder voll im Soll ist. Zunächst läuft auch alles prächtig. Der Sohnemann zeigt sich versiert, die Mutter resigniert und das Rotwild verschreckt. Doch dann werden sie mitten im Wald unvermittelt Zeugen eines Mordes an einem Cop ...

Das plötzliche Thrillerelement sorgt für ordentlich Spannung, ist aber lediglich Mittel zum Zweck und dementsprechend konstruiert. Der Plot um einen missglückten Raubüberfall, bei dem irgendwie das örtliche Police Department mit dem alternden Chief Howell (das ist dann unser Bruce) die Finger im Spiel hat, drängt die zunächst vergleichsweise behutsam aufgebaute Vater-Sohn-Beziehung schnell in den Hintergrund und mündet in handelsübliche Krimikost auf TV-Niveau.
Dabei schafft Miller durchaus interessante Konstellationen. Der vermeintliche Mörder (Gathin Anthony) entpuppt sich als vielschichtiger als gedacht, Danny wird zur Geisel, was wiederum Wills Vaterrolle neu definiert und Howell ist nicht der, der er zu sein scheint. Potential für geschärfte Charakter-Profile ist also vorhanden, aber Miller bleibt zu sehr an der Oberfläche, gibt seinen Darstellern zu wenig Raum - was vor allem bei den gut aufgelegten Christensen und Anthony recht schade ist - und ist hauptsächlich an der vorhersehbaren Auflösung des Krimipuzzles interessiert.

Die knappe Drehzeit lässt auch beim beworbenen Sektor Action keine Großtaten zu. Eine Quad-Verfolgungsjagd durchs Unterholz dient hier schon als Highlight, kommt aber nicht über eine versierte Fingerübung hinaus. Dazu noch ein paar kürzere Shootouts und Handgreiflichkeiten, das wars. Was Miller deutlich besser gelingt, ist die atmosphärische Inszenierung der wäldlichen Idylle, die zunehmend bedrohlicher wirkt. Ausleuchtung, Kamerafahrten und Ton zeigen Miller als lernfähigen Handwerker mit Ambition zur Qualitätsarbeit. Da sollte man nicht auch noch erwarten, dass er in punkto Plot- und Figurenentwicklung ähnlich schnell zugelegt hat. Hat er auch nicht. Dass das erhoffte Duell Willis-Christensen kaum statt findet, dürfte allerdings profanere Gründe gehabt haben. Dafür war wohl das üppige Salär nicht üppig genug ausgefallen. Aber was des einen Einschränkung, ist des anderen Chance. Zumindest wissen wir jetzt, dass Christensen mehr drauf hat, als einen verzogenen Jedi-Jüngling mit Hang zur Düsternis und seifigen Teenie-Romanze. Co-Star Willis lässt ihm aber eben auch reichlich Platz zur Entfaltung. Mal sehen, wem er im nächsten Miller-Film die Gelegenheit zum Glänzen überlässt. Man darf gespannt sein.

Fazit:
Stromlinienförmiger Crime-Thriller in atmosphärischer Wald-Kulisse. Edelsupport Bruce Willis mal wieder auf Autopilot, dafür übrzeugt Hayden „Anakin" Christensen als zwischen Tatkraft und Verzweiflung pendelnder Vater. Die interessanten Figurenkonstellationen bleiben dennoch zu oberflächlich und lediglich Mittel zum Zweck der Kriminalhandlung.

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