Heutzutage verschwimmt die feine Linie zwischen Anspruch und Unterhaltung nicht mehr so leichtfüßig und gekonnt, wie das in der Vergangenheit der Fall war, sondern man trennt ziemlich stark zwischen den beiden Polen und inszeniert auf das Zielpublikum konkret hin.
Gewagt wird eigentlich nur noch etwas mit Produktionen, die auf die Awards-Season hin produziert werden und auch dort machen autobiographische Stories meistens den besten Schnitt.
Um so schöner ist es, dass Martin McDonagh, Schöpfer des vielgepriesenen „Brügge sehen…und sterben“ fünf Jahre nach „Seven Psychopaths“ wieder einen Film gedreht hat, der auf angenehm unangenehme Art und Weise mit viel schwarzem Humor eine abgrundtief finstere Situation ergründet und mit vielen kleinen Stichen gegen das amerikanische und generelle Zeitgeschehen versieht, ohne den Film auch nur eine Minute lang bleischwer zu belasten, obwohl das Potential für ein total zerstörerisches Drama gegeben wäre.
Anders als beispielsweise die Coen-Brothers, die sich mit Vorliebe in einem fast unmerklich von der Realität abgehobenen kreativen Universum bewegen und das Absurde einfach mit dem für sie Interessanten verbinden, was aber in den letzten Jahren mehr und mehr in ein filmemacherisches „Because I Can“ abdriftet, weiß McDonagh ganz genau, was er einer berührenden Geschichte schuldet.
Er bleibt ganz nah an dem komplexen Drama, dass in der Kleinstadt Ebbing ausgelöst wird, fächert die Folgen auf, strapaziert das Erwartbare und auch das Unerwartete bis an den Abgrund des Absurden oder absurd Zufälligen, lässt sich aber nie über die Kante tragen.
„Three Billboards“ ist eine schwarzhumorige Jonglage geworden, mit einer ganzen Reihe von Charakteren, die man eigentlich nicht mögen dürfte, weil sie rassistische, kleingeistige, kaputte Stereotypen zu sein scheinen, die das Drehbuch aber genau so dreht, dass man selbst dem letzten Dreck noch eine gewisse Zuschauerfaszination abgewinnen kann.
Statt ein berührendes Drama auszuloten, setzt McDonagh auf die relative Kurzsichtigkeit und nachträgliche Einsichtigkeit seiner und inszeniert strikt Aktion und Reaktion. Was im Bereich Rassismus und Verbrechen eigentlich immer die Basis für eine glimmende Lunte ist – und McDonagh schüttet immer wieder Benzin drauf, wobei – und das ist das eigentliche Geheimnis des Skripts – das zu Erwartende in Schlangenlinien umfährt, um es gleich darauf ins Groteske zu überhöhen, um Geschwindigkeit für die nächste erwartbare und zu unterlaufende Wendung zu gewinnen.
Dabei teilt der Film die Sympathien des Publikums nie in gewöhnlich „schwarz und weiß“, auch wenn der Plot danach riecht: die Mutter einer ermordeten Teenagerin klagt den Sheriff ihrer Kleinstadt an, das s er immer noch niemanden verhaftet hat. Damit der Wiederhall größer wird, lässt sie es auf drei Werbetafeln an einer einsamen Straße drucken. Dennoch löst sie damit eine Lawine von Reaktionen aus.
Tatsächlich ist der Sheriff dann aber gar nicht so inkompetent oder so faul oder so rassistisch wie die ersten Spitzen glauben machen, sondern hat einfach keinen Verdächtigen gefunden – und er ist todkrank und hochangesehen. Doch sein erneutes Bemühen und Vermitteln in diesem Fall, der zunehmend eskaliert, führt auch bei ihm zu unvorhersehbaren drastischen Folgen.
Obwohl: Rassisten gibt es schon eine Menge, wie z.B. den von Sam Rockwell dargestellten einfach Police Officer Dixon, dessen mangelnder IQ und soziale Inkompetenz nur von seine sporadischen Idiotie übertroffen wird, was aber seinen Kollegen jederzeit bewusst ist. Wenn Rockwell auf die Vorwürfe, er würde ja lieber „Neger foltern“ als zu ermitteln, aufgebracht aufbraust, erklärt er dem modernen Publikum/Amerika dann auch gleich seine politisch korrekte Sicht der Dinge: das hieße jetzt „Afroamerikaner foltern“ und nach einem Augenblick der Besinnung fügt er dann noch hinzu, das hätte er ja auch gar nicht getan.
Diese drei Figuren sind die treibende Kraft hinter dieser Geschichte, die sie immer wieder befeuern, antreiben oder in Bewegung halten. Frances McDormand beeindruckt als sture, vom Leben geprügelte, ausgemergelte Mutter, die in der großen Scheiße des Lebens immer noch einen bitteren Witz bewahrt, wenn sie von dem kleinwüchsigen James (Peter Dinklage in einem wunderbar erweiterten Cameo) angeschmachtet wird oder sich mit ihrem längst ausgezogenen Mann (John Hawkes auf dem schmalen Grat zwischen Weisheit und Frauenmisshandler) auseinander setzen muss, der ihr in der einen Sekunde eine reinhauen will (in der dem Film eigenen Dynamik aber von seinem eigenen Sohn fast gewohnheitsmäßig ein Küchenmesser vor die Kehle bekommt) und sich dann gleich darauf in wiederholten Kaskaden beißender Ironie für seine hübsche, aber geistig eher unterbelichtene neue Liebschaft rechtfertigen muss (was er natürlich nicht kann), die gerade erst volljährig geworden ist. Mc Dormands Mildred wird von Wut angetrieben – was wiederum Harrelsons Sheriff Willoughby trifft, der ganz andere Sorgen hat.
Dessen Reaktion auf die Vorwürfe führt zu einem neuen Drama, was wiederum Auswirkungen für Dixon hat, der gewinnt, verliert und wieder gewinnt, weil eine Reihe von Briefen neuen Schwung in den Charakteren auslöst, was aber auch nicht immer von Vorteil zu sein scheint.
Die Figur des Dixon ist vielleicht die größte Leistung von McDonagh und Rockwell, denn einen grenzdebilen und vollkommen von tierischen Instinkten getriebenen, Comics lesenden Vollspaten über einen ganzen Film zu tragen, ihn hassenswert und liebenswert zugleich zu machen und ihn sogar einsichtsvoll und nützlich zu gestalten (wenn die Folgen auch wiederum katastrophal ausfallen), das ist wirklich etwas Wunderbares.
Es wäre einfach gewesen: Mildred die wütende, berechtigte Mutter; Harrelson nachlässig wegen seiner Krankheit, Dixon ein ultrarechtes Rassistenschwein, aber das ist zu einfach. McDonagh sieht überall Recht und Unrecht, Komplexität und Simplizität, Berechenbares und Unberechenbares. Und er spielt das nacheinander gegen das jeweils Andere aus.
Stets legt das Skript Fährten, Wendungen, rote Heringe aus, auf die man als Publikum setzt und tatsächlich werden auch praktisch alle aufgegriffen oder verfolgt, aber nie so, wie man das erwarten kann, stets mit anderem Ausgang, als es nötig wäre. Daraus keltert der Regisseur ein überaus groteskes, aber sehr menschliches Panoptikum der amerikanischen Seele, die ihre absurde Existenz wie ein stolzes Kleid trägt.
Das führt zu einer den ganzen Film umfassenden Abfolge von „WTF“-Momenten, die Zeugnis davon ablegen, dass es so einfach mit Lösungen und Problemen nur in Filmen ist – nur eben nicht in diesem Film. Es geht nicht darum, ein Verbrechen aufzuklären, einen Täter zu fangen, es geht vielmehr darum, zu enthüllen, warum niemand perfekt, niemand vollständig gut oder schlecht, niemand komplett schuldig oder unschuldig ist.
Es geht darum, wieviel ein Mensch tragen oder ertragen kann und was er tut, wenn es nicht mehr geht. Das führt ihn hier ständig an einen anderen Ort und dort wird es dann schlimmer, noch schlimmer oder besser – Katharsasis als Antriebsmotor eines Dramas, dass man ohne diese Lawine an brüllend komischen und gleichzeitig schmerzhaften Momenten gar nicht ertragen könnte.
McDonagh legt so den Finger auf die Wunde und lässt das Publikum mit den Guten und den Böse gleichermaßen mitgehen – vielleicht das Erstrebenswerteste, was ein Filmemacher erreichen kann und das Sättigenste, was sich ein Publikum wünschen sollte. (9/10)