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Teufelskreis aus Plakatwerbung und Nächstenhass

Es gibt Filme wie "No Country For Old Men", "Fargo" oder letztes Jahr "Hell or High Water", bei denen ist man ohne zu zögern oder zweite Sichtung sicher, direkt wenn im Kinosaal nach dem Abspann das Licht wieder angeht, dass man einen amerikanischen Filmklassiker gesehen hat. Vielleicht sogar einen Auf-Anhieb-Lieblingsfilm. "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" ist solch ein Brett, das einen schnurstracks umhaut, überrascht und sprachlos zurücklässt. "In Bruges" war ein sensationell guter Film, "7 Psychos" ein sensationell polarisierender und cleverer. "Three Billboards..." spielt jedoch noch eine Liga höher als diese beiden schon sehr starken Werke und verhilft seinem britischen Regisseur in ganz neue Stratosphären. In dem tiefgründigen und nie berechenbaren Genremix geht es um eine Mutter, deren Tochter missbraucht und getötet wurde und wie diese nun mit drei unübersehbaren Plakaten außerhalb ihrer Kleinstadt der Polizei vorwirft, nicht genug zu tun, um den traurigen Fall aufzuklären...

Früh im Film gibt es eine Szene, in der unsere Protagonistin, die wir zu diesem Zeitpunkt jedoch noch so gut wie gar nicht kennen oder einschätzen können, vor einem auf dem Rücken liegenden Insekt steht. Nun hat sie die Möglichkeit dem kämpfenden Käfer zu helfen, ihn zu töten oder nichts zu tun. Und solche Szenen, nur auf wesentlich weitreichenderem Niveau, gibt es im Laufe der unfassbar kurzweiligen zwei Stunden etliche. Nie ist klar was passiert, immer gibt es zahlreiche Möglichkeiten, die Figuren haben die Wahl und man gibt irgendwann fast auf, sich auszumalen wohin die Reise gehen wird. Das Script ist einfach zu scharfsinnig und wendungsreich. Dunkelster Humor trifft auf tieftrauriges Drama, Tränen auf Zittern, Lachen auf Schock, ein Schauspielerensemble zum Zungeschnalzen auf Figuren, die wirklich etwas hermachen und teilweise Entwicklungen durchlaufen, die man nur alle paar Jahre derart genial miterlebt. In keiner Minute zweifelt man daran, dass McDonaghs neuester Streich ein absoluter Ausnahmefilm ist, dem ich in 5 Wochen sogar den wichtigsten Goldjungen des Abends zutrauen würde. Gönnen erst recht.

Ich könnte noch stundenlang schwärmen, über den göttlichen Soundtrack, eine der stärksten Frauenfiguren aller filmischen Zeiten oder den tieferen, brisant-aktuellen Sinn. Im Endeffekt bleibt jedoch nur festzuhalten, dass jeder Kinofan diesen schweißtreibenden Ritt selbst erleben und genießen muss. Müsste ich etwas kritisieren, dann das sehr offene und vielleicht etwas unbefriedigende Ende. Doch selbst das ist so ambivalent und schlau und passend zu Thema & Feeling, dass man einfach nur Niederknien will. Selten kommt in Filmen wirklich ALLES zusammen. Das ist ein solcher Fall. Und das gehört gefeiert. In Zukunft werden Listen ala "Die besten Filme aller Zeiten" für diesen unbeschreiblichen Teufelskreis mit Hoffnungsschimmer einen einbetonierten Platz reservieren müssen. Und habe ich schon erwähnt, dass Rockwell und McDormand Anfang März den schönsten Platz in ihren Vitrinen frei machen dürfen?!

Fazit: schon jetzt der Film des Jahres?! Diese drei Plakate haben alles, was ein echter Klassiker braucht. Humor, Spannung, Biss, Überraschungen, aktuelle Brisanz. McDonagh schießt sich mit dieser vielschichtigen Meditation auf Hass und Rache und deren Auswirkungen mal eben in den Regieolymp. H-I-G-H-L-I-G-H-T!

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