Nach zwei recht unterhaltsamen Gangsterkomödien mit leichtem Tarantino-Rip-Off-Stallgeruch wagte sich Martin McDonagh mit „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ auf etwas anderes Terrain vor, auch wenn er dem schwarzen Humor treu blieb.
Dieser ist hier allerdings noch lakonischer als zuvor, schon in den Auftaktszenen zu sehen. Mildred Hayes (Frances McDormand) stoppt mit dem Auto vor den drei titelgebenden, ungenutzten Werbetafeln kurz vor ihrer kleinen Heimatstadt. Kurz darauf mietet sie im Büro von Red Welling (Caleb Landry Jones) an, der schon beim Lesen der Aufschriften fragt, ob sie Mildred Hayes sein. Es ist klar, dass die Aufschrift die Gemeinde erschüttern und der Verfasser klar sein wird, doch erst mit der ersten öffentlichen Aufregung enthüllt „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ die Aufschrift der Tafeln: „Raped While Dying“, „Still No Arrests?“ und „How Come, Chief Willoughby?“.
Besagter Polizeichef William ‘Bill‘ Willoughby (Woody Harrelson) reagiert viel gelassener als seine rechte Hand, der rassistische und aggressive Officer Jason Dixon (Sam Rockwell). Während dieser seinen ganzen Zorn entladen will, versucht Willoughby es freundlich, aber bestimmt bei Mildred, enthüllt sogar seine schwere Krankheit vor der Mutter, deren Tochter vor sieben Monaten vergewaltigt, ermordet und dann verbrannt wurde. Man merkt Mildreds Respekt vor dem Mann, der glaubwürdig versichert alles getan und trotzdem keine Spur auf den Täter gefunden zu haben. Das könnte der Endpunkt des Konflikts sein, doch Mildred besteht darauf, dass sie Tafeln bleiben, damit der Druck auf die Polizei von Ebbing ebenfalls bestehen bleibt. Angesichts dieser Härte ist klar, dass Mildred keine strahlende Heldin ist.
Ihr Starrsinn zwingt allerdings noch mehr Leute im Dorf Farbe zu bekennen, entweder zur trauernden Mutter oder zum respektierten Polizeichef zu stehen. Dementsprechend treffen die Repressionen beider Seiten bald immer mehr Leute, von denen jedoch kaum einer bereit ist nachzugeben…
„Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ entpuppt sich als nuancierte Tragikomödie, bei der wirklich alle Figuren in Grautönen gezeichnet sind, deren Motivationen man fast immer versteht. Mildred ist nicht die strahlende Heldin, kennt kein Maß und keine Rücksicht auf irgendwen bei ihrem Wunsch nach Gerechtigkeit – egal ob der Sohn nun in der Schule angefeindet wird, sie andere Menschen verbal wie physisch verletzt oder die Gefühle anderer für sich ausnutzt. Nur dass der so Gekränkte nicht großmütig reagiert, sondern weinerlich und gekränkt Anerkennung oder sogar erwiderte Gefühle von ihr fordert. Mildreds Ex-Mann Charlie (John Hawkes) hat sie früher geschlagen und für die deutlich jüngere, etwas hohle Penelope (Samara Weaving) verlassen, die seine Tochter sein könnte. Doch in dieser neuen Beziehung scheint er sich deutlich gebessert zu haben und selbst Airhead Penelope gönnt der Film einen hellen Moment. Dixon hat das Potential zum aufmerksamen, guten Cop, ist aber ein rassistischer und homophober Gewalttäter. Bei den Szenen zu Hause wird allerdings auch klar, dass das comiclesende Muttersöhnchen das Produkt einer entsprechenden Erziehung durch seine grobschlächtige Mutter ist.
Gerade anhand der Figur von Dixon ging der innerfilmische Kulturkampf auch in die Rezeption von „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ über, gerade in der Frage, ob die Vermenschlichung Dixons gerechtfertigt sei. Doch McDonaghs Film entzieht sich einfachen Kategorisierungen und Zuschreibungen, entwirft ein rabenschwarzes Bild eines Mikrokosmos, in dem diverse Betonköpfe Konflikte eskalieren lassen. Das ist teilweise böse und reizt zum Hinterfragen an: Die Annäherung zweier verfeindeter Figuren am Ende begründet sich darauf, dass beide nun gemeinsam vorhaben ein Verbrechen zu begehen, für das vermeintlich Gute. An einer anderen Stelle ist die Frage, ob ein Gewaltopfer Gegengewalt gegen seinen vorigen Peiniger üben wird, nachdem sich die Verhältnisse gedreht haben – Momente der Vergebung in diesem Film sind selten, kleine Momente der Erlösung. Außerdem deutet „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ an, dass Mildred sich eine Mitschuld an dem Verbrechen gibt, was ihre Motivation noch fanatischer erscheinen lässt. Da es an einfachen Zuschreibungen fehlt, sind auch manche Vorwürfe gegen den Film nicht so einfach zu bestätigen: Der beschränkte Dixon mag Red als Schwulen verspotten und dabei homophob auftreten, doch die Art wie „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ die Blicke Reds in Richtung seiner Mitarbeiterin inszeniert deutet gleichzeitig an, dass er auch nur ein schüchtener Hetero ist, der nicht dem einfachen wie vorurteilsbelasteten Weltbild Dixons entspricht.
Auf dieser Basis zeichnet McDonagh ein Kleinstadtportrait, das zwischen den Stimmungen schwankt. Mildreds Starrköpfigkeit, die manchmal auch vor Gewalt nicht halt macht, und mal lakonischen, mal pfeilschnellen Wortgefechte sorgen für Lacher. Eine andere Szene, die einen Schwung Briefe in den Film einbringt, der wichtig ist, ist wiederum todtraurig. McDonagh wandelt traumsicher auf diesem schmalen Grat, leistet sich nur kleine Entgleisungen. So ist Penelope hin und wieder etwas zu eindimensional als einfältiges Comic Relief angelegt und eine Kitschszene mit einem unecht aussehenden CGI-Reh mag zwar als Douglas-Sirk-Verdacht sein und ansatzweise ironisch gebrochen werden, wirkt aber immer noch verdammt plump in dem sonst so scharfsinnigen Film.
Ein großer Gewinn des Films ist auch seine Hauptdarstellerin: Frances McDormands unkonventionell ruppige Protagonistin erinnert mit ihrer Art, bei der sie auf (fast) niemandes Gefühle Rücksicht nimmt, an Isabelle Huppert in „Elle“ erinnert, auch wenn der Verhoevenfilm noch etwas böser und konsequenter war – dafür hat McDormand hier eine Figur, der man mehr menschliche Wärme gönnt, die dadurch etwas dreidimensionaler wird. Mit seiner grandiosen Hauptdarstellerin hätte der Film schon die Miete eingefahren, doch ihre Spielpartner können da mithalten: Woody Harrelson gibt das moralische Zentrum des Films und Sam Rockwell spielt die Facetten seines widersprüchlichen, weder wirklich sympathischen noch gänzlich unsympathischen Schlägers mit Verve aus. Unter den Nebendarstellern ragt vor allem Caleb Landry heraus, während „The Wire“-Cop Clarke Peters in einer sehr kleinen Rolle Akzente setzt. Der Rest vom Fest, darunter Peter Dinklage, Abbie Cornish, John Hawkes und Lucas Hedges, muss da etwas mehr im Schatten stehen, liefert aber durch die Bank weg tolle Arbeit ab.
„Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ist einerseits eine scharfsinnige Beobachtung von Konfliktpotentialen im ländlichen Raum amerikanischer Kleinstädte, getragen von Zwischentönen und ambivalenten Betrachtungen aller Figuren. Doch andrerseits ist er gleichzeitig eine ebenso komische wie tragische, in beiderlei Hinsicht mitreißende Erzählung, die eben nicht nur auf der einen Ebene verstanden, sondern auf einer anderen eben auch miterlebt und gefühlt werden will – und diese gelungene Kombination ist nicht alltäglich.