Review

kurz angerissen*

Drei Halbsätze. Eine Anklage. Geschrieben in riesigen schwarzen Buchstaben auf roter Grundfläche. Verteilt auf drei unübersehbaren Werbetafeln, mit denen eine einzelne Person ihren Bedürfnissen vor aller Augen Luft macht. Vielleicht ist „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ gar nicht so hinterwäldlerisch, wie er sich gibt mit seinen „Fargo“-Dialogen und seiner vorausgeschickten Dummbräsigkeit. Vielleicht ist es ein Film, der über die wiedererstarkende Öffentlichkeitsrhetorik reflektiert, bei der dem größten Schreihals die größte Aufmerksamkeit zuteil wird.

Denn wo die einfach verständlichen, in Form und Inhalt wie von einem Profi gestalteten Plakate einen schlichten Ausgangspunkt bilden, der die Wirkung einer Startpistole bei einem Marathon erzeugt, da entwickelt sich innerhalb der Beckenränder der fiktiven Gemeinde aus dem Filmtitel eine bisweilen unmöglich vorherzusehende Dynamik zwischen den beteiligten Personen, die immer wieder neue unerwartete Allianzen und Rivalitäten generiert.

Martin McDonagh zeigt damit eindrucksvoll auf, dass die Dinge bei weitem nicht immer so simpel sind, wie sie manchmal aus der eigenen Perspektive erscheinen. Starke Frauen können innerlich gebrochen sein, rassistische Polizisten ein gutes Herz haben, bürokratische Sesselfurzer hilfreich sein. Dass es dabei stets auf die Perspektive ankommt, unterstreicht der Film, indem er unentwegt um seine Figuren kreist, sie von stereotypen Vorurteilen wegzerrt und mit einer individuellen Note versieht. Selbstredend, dass gerade Kaliber wie Frances McDormand, Woody Harrelson und Sam Rockwell in einem solchen Ambiente brillieren, aber diesmal hat bis in die kleinsten Nebenrollen hinein einfach jeder Darsteller Anteil an dem facettenreichen Gesamtbild, das Ebbing trotz seiner rückständigen, an alte Western erinnernden Leitmelodie abgibt.

Was den Fall der vergewaltigten und verbrannten Tochter angeht, so werden die Bewohner von ihm nicht etwa magisch angezogen wie die engagierten Pöbel in „Frankenstein“ oder Fritz Langs „M“ - nur wegen des lauten Aufschreis ihrer Mutter kehrt er ins kollektive Bewusstsein zurück, so wie man sich eben auch in der mit Reizen überfluteten Realität nur noch mit blinkender Reklametafel Gehör verschaffen kann. Die Kritik an einer zu komplex geratenen Welt ist ebenso sehr hörbar wie die Sehnsucht nach einfachen Lösungen und klaren Sachverhalten.

Dass es uns von dieser uramerikanischen Kleinstadtgeschichte nicht so einfach gemacht wird, versteht sich von selbst. Einer Reihe von zutiefst befriedigenden Feldzügen einer verbitterten Mutter (alleine die Ansprache an den Priester ist eine Sichtung wert) folgt ein Ende, das zu kompliziert ist, um zum Märchen auszuarten... und das einen ohnehin bereits sehr guten Film durch brillant gesetzte Subtexte endgültig abrundet.

*weitere Informationen: siehe Profil

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