Private Matt Ocre (Nicholas Hoult) ist ein junger Bursche, der sich beim Militär verdingt hat, um sich sein Studium leisten zu können. Im Jahre 2003 ist er auf einer US-Basis im vorderen Orient stationiert, als er von seinem Vorgesetzten für einen Auftrag nahe des gerade eroberten Bagdad rekrutiert werden soll. Eigentlich wollte Matt ein paar Tage Krankenstand herausschinden, weswegen er sich absichtlich selbst an der Hand verletzt, aber nach einem Gespräch mit Sgm. MacGregor (Tommy Flanagan) kommt er dann doch mit. Der Auftrag klingt eher unspektakulär: Ein von den eigenen Truppen bombardiertes Pumpwerk nahe einem Dorf wieder in Gang zu setzen, damit die Bevölkerung einer Stadt wieder Wasser hat. Bis dies soweit ist, müssen mit einem alten Tankwagen Shuttledienste zwischen Pumpwerk und Stadt geleistet werden. Eine eher humanitäre Aufgabe für die stets bewaffneten Soldaten, die mühsam aber lösbar erscheint. Doch dann tauchen unerwartete Schwierigkeiten auf: Nicht jeder ist daran interessiert, das bald wieder Wasser fliesst...
Sand Castle ist ein ruhiger Film, der den Alltag der amerikanischen Besatzungstruppen im Irak beleuchtet und vor allem darauf fokussiert, was der Krieg mit den Menschen macht. Nicht actionreiche Szenen stehen im Vordergrund, sondern die Interaktion der Soldaten mit der Zivilbevölkerung. Dabei läßt der brasilianische Regisseur Fernando Coimbra (Narcos) seine Akteure zu Beginn noch kurz im typischen(?) Häuserkampf in Bagdad agieren, als zwei von ihnen auf einem Dach festsitzen und von Heckenschützen eines gegenüberliegenden Hotels beschossen werden - Minuten später ist der angeforderte Hubschrauber da und pulverisiert dessen obere Stockwerke. Dann aber geht es in ruhigere Fahrwasser: Zuerst muss der kriegsmüde Matt einsehen, daß seine selbstverletzte Hand dem örtlichen Doc nur ein müdes Lächeln entlockt ("Hier sind Schmerztabletten. Nehmen Sie die doppelte Menge von dem was draufsteht"), dann fordert der Sergeant Major seinen Ehrgeiz heraus - Tommy Flanagan spielt hier einen ebenso entschlossenen wie smarten Vorgesetzten, der geradezu einfühlsam auf seine Männer eingeht und als Gegenteil eines Schleifers auch schnell Sympathiepunkte beim Zuseher erzielt. Seine Burschen unterhalten sich über die Themen, die sie gerade bewegen, sie flachsen untereinander und sind auch teilweise nervös, zu keiner Zeit jedoch dreht einer von ihnen durch oder fällt durch übereifriges Handeln auf - schließlich ist der Alltag anstrengend genug: Beim Pumpwerk fehlen neben Rohren und anderen Bauteilen vor allem Arbeitskräfte, und da die Anwerbeversuche unter der örtlichen Bevölkerung nichts fruchten, müssen die Soldaten eben selbst die Spitzhacken schwingen.
Sand Castle streift in manchen seiner auffällig unauffällig abgefilmten Szenen auch fundamentale Irrtümer westlichen Denkens: Der höfliche Sergeant Major glaubt, mit Dollarscheinen einiges erreichen zu können - er kennt es nicht anders. Was für ihn selbstverständlich ist, bietet er - in einem Gespräch auf Augenhöhe - dem örtlichen Clan-Oberhaupt an: Er braucht Arbeiter, und er will dafür bezahlen. Ordentlich bezahlen. Aber die dargebotenen Dollars bewirken nichts - und dasselbe geschieht, als ein verdächtiges Fahrzeug etwas zu "scharf" kontrolliert wird - hier möchte der stets auf Ausgleich bedachte Sergeant Major sich mit einer Dollarnote entschuldigen - aber sie wird nicht angenommen.
Natürlich gibt es auch einige wenige Actionszenen, denn die aus dem Hinterhalt angreifenden Aufständischen/Terroristen gehörten genauso zum Alltag wie das Wasserverteilen aus dem alten Mercedes-Rundhauber an eine ungeduldig drängende Menschenmenge auf dem Hauptplatz. Und so lernen alle Seiten mit der Zeit dazu - und der Zuschauer ebenfalls. Private Matt Ocre macht im Lauf des Films die größte Entwicklung durch, und am Ende heißt es für ihn, der eigentlich gar nicht dorthin wollte, dann doch Abschied nehmen - obwohl er inzwischen bleiben will.
Sand Castle zeigt einige Aspekte des Besatzungsalltags ohne moralischen Zeigefinger und ohne künstliches Pathos - der Umstand, daß einige falsche Uniformen, Geräte und Fahrzeuge bei der Darstellung der US-Armee verwendet werden tut der Intention des Film keinerlei Abbruch. Die Frage(n), über die man hier nachdenken kann und darf: Tut man wirklich Gutes, wenn man glaubt, Gutes zu tun? Und wie sinnvoll (oder zwecklos) ist dieses Gute eigentlich?
Für mich ein kleiner aber feiner Film, fast schon ein Geheimtip: 7,51 Punkte.