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Die Vielfältigkeit beim Filmemachen, den 'Mangel' an einer übersichtlichen Themenlinie in seinen Werken und die im Grunde 'unpersönlich' wirkende Handschrift bzw. das Fehlen einer wirklich zuordbaren inszenatorischen Handschrift bei Regisseur Herman Yau konnte man schon von Anbeginn der Karriere an verfolgen und findet selbst 30 Jahre später noch ein aktuelles Sujet. Im Veröffentlichungsdatum für den Heimbereich, sprich die Auswertung auf DVD und BR (und VCD) auf den exakt gleichen Tag fallend könnten die beiden (neben den nahezu zeitgleichen 77 Heartbreaks, eine Liebeskomödie und dem angekündigten Psychothriller Always Be With You) jüngsten Arbeiten Shock Wave und Sleep Curse nicht unterschiedlicher ausfallen, besteht die Einigkeit wirklich nur im Namen des Regisseurs (und dem seiner seit 2009 anwesenden Stammautorin Erica Li) und sonst weder in der Thematik, dem Genre, der Besetzung, der Finanzierung, der angepeilten Kundenschar, und ist der Gegensatz kaum größer, deutlicher und besser einsehbar als in diesem hier speziell parallelen Archetyp.

Sleep Curse ein Rückgriff auf Früh Achtziger Horror- und Exploitationkino, mit drastischen Ekelszenen im kleinen örtlichen Rahmen und lokal begrenzt, wie unter der Hand vertrieben und für die spezielle CAT III Klientel angelegt. Shock Wave selber, ein moderner Actionthriller mit Kassengarantie, mit Starbesetzung und dem Absetzen auf dem dafür mittlerweile relevanten Markt der Chinesischen Volksrepublik, hatte seine offensive Promotion und das dafür auch voluminöse Marketing; selbst die internationale Distribution ist gesichert, zumal man hier die Sprache auch der Weltoffenheit bzw. Übertragbarkeit auf eine bei den Massen beliebte, allgemein verständliche Gattung von Film und dem zusätzlichen Bonus von einer 'Rückkehr' zum früheren HK-Action-Kino spricht. Eine breite Basis quasi, nach allen Seiten hin fest aufgestellt, die Alt und Neu und die Vereinbarkeit von Regeln samt all ihrer Standardsituationen und Klischees mit einem etwaig frischen Ansatz und voluminösen Explosionen bedient, zumal Yau auch eher genrefremd,sonst der Stille und Leisetreter und deshalb ja vielleicht mit offenen Augen hinter der Prämisse vom (sauber inszenierten) Bomben- und Kugelhagel innerhalb der vielbevölkerten Stadt her ist:

Vorübergehend als Undercover-Polizist im Auftrag von Regional Crime Unit Officer Chow [ Felix Wong ] in die Räuberbande von Peng Hong [ Jiang Wu ] eingesetzt, gelingt es Superintendent J.S. Cheung [ Andy Lau ] zwar, diese zu infiltrieren und u.a. auch dessen jüngeren Bruder Biao Hong [ Leo Wang ] festzunehmen, kann das Oberhaupt selber aber in das Goldene Dreieck entfliehen. Zwei Jahre später kehrt Peng zurück und überströmt Hong Kong mit diversen erst kleineren Bombenanschlägen, die vor allem die Aufmerksamkeit vom hauptberuflich beim Bombenräumkommando tätigen Cheung und dessen Mitarbeiter Ben [ Ron Ng ] auf sich ziehen und ihre Kräfte bündeln. Bald wird allerdings der gesamte Cross Harbour Tunnel vermint und alle währenddessen in der Unterführung befindlichen Verkehrsteilnehmer von einer Horde in- und ausländischer Söldner als Geiseln genommen. Cheungs bester Freund Chief Inspector Kong Yiu-wai [ Philip Keung ], ein Heißsporn, und sein Vorgesetzter Senior Assistant Commissioner Wan Hiu-fung [ Shek Sau ] übernimmt.

Sonst eher mit kleineren, überschaubaren Produktionsrahmen ausgestattet, wird hier von Anfang an mehr geklotzt als gekleckert und vom zerstörungswütenden Start weg der Status eines Blockbusters für die frühere Sommersaison, mit all seinen Mitteln zum Zwecke der großformatigen Unterhaltung und des Anlockens eines für Destruktion, Adrenalin und Spektakel begeisterungswilligen Publikums angestrebt. So vergehen keine fünf Minuten, eh die erste Bank trotz erbitterter Gegenwehr der dortigen Wachtruppe gestürmt und blutig überrannt und die anschließende massive Verfolgungsjagd durch nächtliche Großstadtschluchten und die Schnellstraßen zelebriert wird. Die Nachzügler von der Polizei werden gerammt, beschossen, zersiebt oder mit extra zuvor platzierten Sprengsätzen per abgestellten Wagen zur Seite und in die Luft katapultiert; eine Materialschlacht mit Massakercharakter, dass eine Spur der Ohnmacht der staatlichen Organe und allgegenwärtigen Vernichtung durch das verzweigte Verkehrsnetz zieht.

Zwei Zeitsprünge hintendran, einer per Schrifttafel verkündet und ein zusätzlicher erst unmerklich und dann in der Verbalisierung im Nebenher per Dialog aufgedeckt ist die eingangs unmittelbare Bedrohung natürlich zunichte gemacht und vielmehr in ein andauerndes Katz-und-Mausspiel umgewandelt; eine Analogie im übrigen, die der Film in einer der Ansprachen von Cheung (während einer Ehrung) so direkt verwendet. Ein Beobachter und Lauernder, der Fallen aufstellt und auf die Reaktion des Gegenüber wartet, welcher anfangs tatsächlich nur reagieren kann, aber zu einer besonderen Sorte Mensch, Rechtschaffenheit mehr Wert als das eigene Leben nämlich gehört und auch noch von dem Beruf ist, bei dem das Sehen in den Abgrund des Todes schon lange zum Tagesgeschäft und so zur Routine gehört. Vom ausgedehnten Privatkrieg in ein Terroristen- und Katastrophenplot, mit überraschenden Aufwand in der sowieso schon wuseligen Stadt und vielerlei ausgeklügelten Massenszenen gedreht.

Leider schalten sich allerdings mit zunehmender Laufzeit, die auch ihre 2h beträgt, einige dramaturgische Freiheiten bis Unzulänglichkeiten herein, wird die Pattsituation der andauernden Geiselnahme im terroristischen Ausmaß hier und da mit einigen willkommenen Nebenschauplätzen angereichert, aber auch gerade zum Ende hin recht banalisiert. Überhaupt wirkt der Showdown anders als zuvor die kleineren Scharmützel (eine Rettungsmission der Polizei, eine späteres Attentat am hellichten Tag und ein Ausbruch von Kriminellen) ein wenig überhastet und der eigenen Größe erlegen, mischen sich da in die bisherige Handarbeit auch mehr oder minder deutliche CGI-Effekte und auch ein Überdruss an den gewählten Schauspielern ein. Lau als Mit-Produzent, der auch die Finanzierung und überhaupt der Realisierung des ursprünglich 2014 angedachten Projektes (damals noch mit Nicholas Tse, Nick Cheung und Julian Cheung, also im Durchschnitt wesentlich jünger geplant) spielt die Heorenrolle im Grunde schon im Schlaf und streut hier anders als im Genrekollegen Firestorm (2013) auch keinerlei Grautöne ein. Keung wirkt als dritte Hauptrolle grundsätzlich überfordert und überzieht maßlos, während Jiang Wu eher wie ein dicker Teddybär mit schlechter Frisur wirkt und selbst in den wenigen besseren Momenten an Anthony Wong erinnert; einen erklärten Lieblingsschauspieler von Yau, der in China allerdings Persona non grata wegen Kommentaren zur "Regenschirm-Revolution" ist.

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