Schon einmal die Welt durch die Augen eines anderen Menschen gesehen? Nein? "Being John Malkovich" eröffnet die Möglichkeit, dies zu tun. Genauer gesagt, ist es eine geheimnisvolle Pforte im 7 ½. Stock eines New Yorker Wolkenkratzers, die Gelegenheit dazu bietet, ehe man nach etwa einer Viertelstunde den Körper des anderen unfreiwillig wieder verlässt und wie aus dem Nichts kommend neben der Schnellstraße von New Jersey landet.
Da das seltsame Stockwerk tatsächlich zwischen der 7. und 8. Etage liegt, kann man sich dort aufgrund der tiefen Decke nur gebückt fortbewegen. Es wird von einer dubiosen Firma gemietet, bei der Protagonist Craig Schwartz kürzlich einen Job ergattern konnte. Als freischaffender Puppenspieler auf den Straßen New Yorks bleibt ihm der Erfolg schließlich verwehrt. Seine Stücke sind graziös, jedoch zu lasziv. Es ist schöne, aber brotlose Kunst, die da präsentiert wird - von einem geborenen Loser, der aussieht, als wäre er dazu bestimmt, elendig in der Gosse zu verrecken. Doch ganz so schlimm ist es um Craig gegenwärtig noch nicht bestellt, denn da wäre ja das wundersame Türchen, das er an seinem Arbeitsplatz entdeckte. Er öffnete es, sah einen Tunnel, krabbelte hinein und befand sich plötzlich in ihm - in John Malkovich.
Das klingt nicht nur reichlich wunderlich und verrückt, sondern ist es in der Tat auch. Mit "Being John Malkovich" schuf der aus der Musikvideo-Branche kommende Spike Jonze wahrlich ein Werk, das um Kuriositäten nicht verlegen ist. Denn beileibe ist es mit der Pforte selbst nicht getan: Craigs Ehefrau Lotte, die inzwischen mit ihren Tieren mehr anzufangen vermag als mit ihrem Mann, schlüpft ebenfalls in Malkovichs Körper und ist daraufhin überzeugt, ihre Transsexualität entdeckt zu haben. Sie wird Malkovich-süchtig und steckt auch in ihm, als Maxine, Craigs attraktive Arbeitskollegin, die ihn stets eiskalt abblitzen lässt, gerade mit dem wahrhaftigen John Malkovich sexuell verkehrt. In dieser Konstellation scheint Maxine mit Lotte den ultimativen Gipfel der Lust zu erklimmen. Doch dann bringt sich Craig ins Spiel und Maxine kann nicht mehr von ihm ablassen - natürlich nur, wenn er Malkovich ist.
Was Spike Jonze hier für eine Geschichte liefert, ist einfach einmalig und wahnsinnig zugleich. Sicher ist, ein solch eigentümlicher Plot besitzt einen extremen Seltenheitswert und ist ein Kleinod der Innovation, das spannende und höchst amüsante Unterhaltung garantiert. Neben dem Spaß ist es vor allem aber auch die philosophische Thematik, auf die Jonze sichtlich wert legt und worin letztendlich die Faszination liegt. So wirft das sonderbare Erlebnis natürlich Fragen über Fragen auf. Einige werden beantwortet werden, andere wiederum nicht. Existieren etwa noch weitere Pforten dieser Art? Besitzt hier womöglich sogar jedes Individuum eine solche? Und was geschieht überhaupt, wenn Malkovich sein eigenes Türchen betritt?
Abseits der Gedankenspielerei über Identität und das Marionettendasein machte Spike Jonze vielleicht den Fehler, zu stark zwischen brutaler Dramatik und unbeschwerter Komödie zu schwanken und den Zuschauer emotional zu verwirren. Denn die Stimmung kann urplötzlich abrupt umschlagen. In den dramatischen Szenen überzeugt Jonze' Film ohne Frage, als clevere Komödie funktioniert er jedoch besser. Nicht zuletzt ist gerade dies auch ein Verdienst von John Malkovich selbst, dem kaum wieder zu erkennenden John Cusack und der noch schwerer zu identifizierenden Cameron Diaz, die mit zerzaustem Haar und in biologisch abbaubarer Kleidung steckend eindeutig Mut zur Hässlichkeit unter Beweis stellt.
So ungewöhnlich wie das Aussehen der Hollywoodstars Diaz und Cusack ist schließlich auch der gesamte Film, der geradezu eine bahnbrechend unkonventionelle Geschichte erzählt, die vor allem sehr amüsiert, eine interessante philosophische Dimension aufreißt und natürlich nicht zu vergessen mitunter die eingangs versprochene, wenn auch nur passive Gelegenheit bietet, die Welt einmal durch die Augen eines anderen Menschen zu sehen, eben durch die Augen des John Malkovich.