"Ein Bewusstsein ist ein furchtbarer Fluch."
Wer hat sich nicht schon einmal gewünscht, jemand anderes zu sein? Vielleicht ein berühmter Schauspieler? Genau diesen Wunsch hat Spike Jonze ("Adaption.") in "Being John Malkovich" zum zentralen Thema erhoben. Durch eine kleine Tür geht es nach einem Tunnel direkt in den Kopf von John Malkovich und wir sehen die Welt mit seinen Augen, bis der Ausflug eine Viertelstunde später auf einer Autobahnböschung endet.
Craig Schwarz (John Cusack) ist ein begabter aber erfolgloser Marionettenspieler. Auch die Beziehung mit seiner Frau Lotte (Cameron Diaz) verläuft nicht nach seinen Vorstellungen. Ihre Aufmerksamkeit gilt viel mehr den zahlreichen Haustieren anstatt ihm selbst. Auf dem Höhepunkt seiner Depression und Identitätssuche nimmt er einen Job als Aktensortierer an. In den kuriosen Büros der Firma LesterCorp, deren Decke so niedrig ist, dass sich die Angestellten beim laufen krümmen müssen, lernt er sie attraktive Kollegin Maxine (Catherine Keener). Craig's ungeschickte Annäherungsversuche scheitern zunächst. Erst ein versteckter Gang hinter einem Aktenschrank, der in das Gehirn von John Malkovich (John Malkovich) führt, verändert die Beziehung zu Maxine. Und auch das Leben von Craig bekommt eine völlig neue Bedeutung, als er an Malkovich's Gefühlen und Gedanken nicht nur teilhaben, sondern sie lenken kann.
Während der Jahrtausendwende häufte sich die Anzahl massenkompatibler Filme mit philosophischen Themen. "Matrix", der Film über Wahrnehmung und Wirklichkeit. "Fight Club", der Film über Konsum und Individuum. Und nun "Being John Malkovich" über Identität und Selbstverwirklichung. Das interessante an diesen Filmen ist, dass sie uns nicht mit einer verkrampft ernsthafen Näherung an das Thema langweilen, sondern es in einen äußerst unterhaltsamen Kontext stellen, der auch die eher spaßorientierten Zuschauer befriedigt.
"Being John Malkovich" enthält einen Strudel aberwitziger Ideen, lässt den Zuschauer aber nicht darin ertrinken, sondern nimmt ihn bei der Hand und gewöhnt ihn nach und nach an immer abstrusere Gegebenheiten. Schon allein das Chaotenpaar Craig und Lotte, er Loser mit trotzigem Glauben an sich selbst, sie sich mit mütterlicher Hingabe dem Privatzoo widmend, den sie in der gemeinsamen Wohnung aufgebaut hat, gäbe Stoff genug für eine Komödie her. Doch dann wird es richtig absurd mit der Location des halben Stockwerks, dessen 1,50m Raumhöhe alle Angestellten der LesterCorp in einen demütig gebückten Gang zwingt.
Neben den eher auf optischer Grundlage basierenden Gags unterhält die intelligente Tragikkomödie mit Wortwitz und grotesken Einfällen. Freche, sexuelle Floskeln wechseln sich ab mit skurrilen Verfolgungen ins Gehirn Malkovich's, die überdies mit eindrucksvollen Bildern aufwarten.
Aber auch der Anspruch kommt nicht gänzlich zu kurz. In der zweiten Hälfte des Films besinnt sich "Being John Malkovich" auf ein paar eindringlichere Momente um das Leben selbst. Dort kommt es dann auch zu wenigen Längen.
Die Schauspieler sind vergnügt aufgelegt. Besonders der titelgebende und sich selbst spielende John Malkovich ("Per Anhalter durch die Galaxis", "Johnny English - Der Spion, der es versiebte") begeistert mit einer selbstironischen Eigenkarikatur.
Während Catherine Keener ("8mm - Acht Millimeter", "An American Crime") für gewöhnlich Rollen mit alltäglicher Ausstrahlung und Cameron Diaz ("3 Engel für Charlie"-Reihe) mit gehobener präsentieren, ist es in hierigem Fall genau umgekehrt. Und dieser Umstand überrascht ähnlich wie der sehr facettenreich performierende John Cusack ("Con Air", "2012").
Das surreal inszenierte Thema ist sicher nicht für jedermann geeignet. Hin und wieder überspannt "Being John Malkovich" den Bogen schon ordentlich und taucht in schwer erfassbare, surreale Welten ein. Wen dies nicht scheut, erhält einen einzigartigen, unvorhersehbaren und mehr als nur ein wenig seltsamen Film, der durch seine melancholisch-gruselige Atmosphäre in kontroverse zu seinem Humor steht und innovativ belustigt.
8 / 10