Der Eisverkäufer und sein Eismobil. An einem heißen Sommertag kann er der Retter in der Not sein. Er bringt die überfällige Erfrischung direkt bis an den Vorgarten des biederen Eigenheims. Wenn man es rechtzeitig schafft, sich aufzurappeln, die Geldbörse zu schnappen und einen Zehn-Meter-Sprint bis zum Bürgersteig einzulegen, bekommt man zur Belohnung ein wenig Medizin gegen die knallende Hitze, vor der es sonst kein Entrinnen gäbe (es sei denn, man schlägt ein Zelt vor dem Kühlschrank auf).
Obwohl der mobile Eisverkäufer im Sommer ähnlich wie der Weihnachtsmann im Winter als freundlich lächelnder Heilsbringer in Erscheinung tritt, indem er süße Belohnungen verteilt, wohnt ihm etwas Verdorbenes inne, das ihn zu einem klassischen Monster der Vorstädte und Spießer-Wohngebiete werden lässt. Er repräsentiert den amerikanischen Alptraum in vielerlei Hinsicht. Er ist die clowneske Überzeichnung einer perfekten Idylle, wie sie die progressiven Stadtplaner der 50er Jahre erträumten, er ist der Kinderschreck, der im Stil eines Rattenfängers Köder aussetzt, er ist der absonderliche Einzelgänger, hinter dessen Fachgebiet der cremigen Wunder ein dunkler Schatten lauert.
Seine gekühlte Ware verhalf bereits vielen Filmen zu manch erinnerungswürdigem Moment. Man erinnere sich nur… Forrest Gump, der zum Trost gegen die schmerzhafte Kugel im Hintern gleich zwei Kugeln Eis verputzte. Vincent Vega, der im Jack Rabbit Slims mit seiner Begleitung das Preis-Leistungsverhältnis eines Milchshakes erörterte. Der kleine Danny Torrance, der bei Koch Hallorann telepathisch Schokoladeneis bestellte. Oder ein kleines blondes Mädchen, das in John Carpenters Belagerungsstreifen „Assault on Precinct 13“ ungefragt ein Erdbeertopping zum Vanilleeis bekommen sollte. Doch die zahlreichen Horror-Assoziationen, die ein Eisverkäufer auslösen kann, nutzte die Filmgeschichte noch ausgesprochen selten zur Geburt eines echten Gelato-Killers. Der „Ice Truck Killer“ aus der TV-Serie „Dexter“ geht zumindest in die Richtung, Tom Hollands „Masters of Horror“-Episode „We All Scream For Ice Cream“ vermischt den bizarren Clownshorror von „ES“ und „Killer Klowns from Outer Space“ mit dem Speiseeisgewerbe. Und dann ist da natürlich noch der „Ice Cream Man“ aus dem gleichnamigen Fun-Horror des Jahres 1995, in dem Clint Howard zum wiederholten Mal das traumatisierte kleine Kerlchen spielt, das wegen schlechter Erfahrungen mit der Welt zum Psychopathen mutiert.
Theoretisch also freie Bahn für Regisseurin und Drehbuchautorin Megan Freels Johnston, um mit “The Ice Cream Truck” eigene Wege zu erkunden. Es stehen ihr alle Wege offen, den Eismann nach Belieben und ohne Vorbelastungen auszuschmücken, mit Klischees oder eben auch ohne. Doch interessiert ist sie in erster Linie nicht am Killer, sondern an ihrer Hauptdarstellerin Deanna Russo.
Der Ansatz klingt auf Anhieb gar nicht so falsch. Gerade das Slasher-Genre hat unter Beweis gestellt, das es oft besonders gut funktioniert, wenn es sich ganz und gar der Hauptfigur widmet. Hier geht es nun um eine junge Frau namens Mary (Russo), die zunächst – und das wird für die Dauer des Films auch so bleiben – alleine in ihrem frisch erworbenen Haus in der Vorstadt lebt, während ihr Mann und ihre beiden Kinder vorerst noch in Seattle verweilen und nachkommen, wenn das Schuljahr abgeschlossen ist. Prompt macht Mary auch schon Bekanntschaft mit der neugierigen Nachbarin Jessica (Hilary Barraford), einer klassischen Vertreterin der Natürlich-Blond-Kategorie, die am selben Tag noch einmal mit ihrer ebenso neugierigen Mädels-Fraktion vorbeischaut und die Neue zum Barbecue einlädt. Dort lernt Mary den deutlich jüngeren Max (John Redlinger) kennen, mit dem sie sich fast wieder wie in der High School fühlt…
Offensichtlich hat Johnston anstatt eines konventionellen Slashers einen abenteuerlichen Film über selbstbestimmte Weiblichkeit im Sinn, der sich an der Kippe zum drohenden Kleinstadt-Alptraum mit Staubsauger und Kochlöffel abspielt. Der Eisverkäufer fährt dabei hin und wieder als bügelweißes Warnschild am Haus vorbei und vermittelt, dass es nicht gesund ist, hier zu wohnen. Was sich in der Theorie durchaus interessant anhört, verkommt in der Umsetzung zu einer Hölle ohne Ausweg, gefangen im erbarmungslosen Bermuda-Dreieck aus Schnitt, Dialog und Gegenschnitt.
Ja, man kann Deanna Russo prinzipiell eine gewisse Ausstrahlung attestieren. Nur verändert die sich in einen Ausdruck von Debilität, wenn sie quälend lange Sekunden wahlweise verträumt, verwirrt, verdutzt, verärgert, verzückt oder verliebt ihren Dialogpartner anstarren muss, bevor sie endlich eine Dialogzeile aufsagen darf, die irgendwo auf dem Weg zu einer wie auch immer gearteten Bedeutung jämmerlich im Sand verkümmert. Der enorm zähe Schnitt wiederholt dieses Trauerspiel dann mit dem jeweiligen Gegenüber, das ebenso verloren zurückblickt, bevor eine gleichermaßen inhaltsleere Floskel zurückgeschossen wird. Die dabei aufgetragenen Gesichtsausdrücke lassen den als natürlich gedachten Informationsaustausch dann auch noch wie eine Maskerade wirken; anstatt von fließendem Smalltalk bekommt man so stotternden Buchstabensalat aus verzerrten Mündern, die unter den nichtssagenden Augen ein Eigenleben führen.
Auch wenn sich die Frauen in drei von vier Fällen als falsche Biester entpuppen, hat es die Männer besonders schwer getroffen. Noch bevor der Eismann so richtig loslegt, wurde Mary bereits von einem Möbellieferanten mit dem Look eines abgeranzten Pornostars belästigt und dann abends noch von einem wahren Schmuckexemplar unter den XY-Chromosomen aus der Kategorie abgehalfterter Autoverkäufer. Beide Unholde wehrt Russo mit dem gleichen fragenden Blick ab, mit dem sie seltsamerweise später den Nachbarburschen in ihre Wohnung einlädt. Es entwickelt sich langsam eine Twilight Zone der peinlichen Begegnungen, bei der man einen Eiskremkiller im Grunde schon gar nicht mehr braucht, um seinen Spaß zu haben.
Und doch, der Norweger Emil Johnsen gibt sein Bestes, wenn er gelegentlich mit 5 Kilometer pro Stunde durch die verkehrsberuhigten Straßen gockeln darf, dabei in Zeitlupe der Strohwitwe zuwinkt und sich auch nicht darum schert, ob es gerade Tag oder Nacht ist. Kudos an die rücksichtsvolle Nachbarschaft, denn bei jeder Privatfeier stünde sie aufrecht im Bett mit der 911 im Anschlag. Hier aber duldet sie während der Nachtruhe brav den Eiskrem-Jingle, der in einer Hitparade der schrecklichsten Geräuschquellen irgendwo zwischen „Fingernägel auf Tafel“ und „Zahnarztbohrer“ landen würde. Johnsen entspricht mit seiner schlanken Statur und seinem eher jugendlich-unschuldigen Aussehen nicht unbedingt dem Klischee des fetten, schmierigen Widerlings, wie er beispielsweise in der Comic-Franchise „Spawn“ (mit der Figur Billy Kincaid) kultiviert wurde. Wenn er dann gezielt Passanten anspricht, um seine Ware loszuwerden, offenbart er im Gespräch eine altmodische Erziehung. Er schließt von der Wahl der Eissorte stets auf das Wesen des Kunden, nicht ohne dazu milde lächelnd einen klugen Spruch abzusondern, der unter dem Strich aber dann doch kaum mehr Gehalt aufweist als die Gartenzaungespräche von Klatschweib zu Klatschweib.
Die Summe dieser Eindrücke führen zu einer völlig entrückten Zeichnung des Villains, von dem man manchmal gar nicht so genau weiß, ob er tatsächlich existiert oder nicht doch nur eine Einbildung der fantasierenden Eigenheimbesitzerin ist, die sich im Laufe der Zeit auch wieder mit dem Konsum von Gras anfreundet. Damit der Eismann überhaupt halbwegs materialisiert bleibt, schustert ihm das Drehbuch immer mal wieder ein Opfer zu, das offenbar eigens zu diesem Zweck hineingeschrieben wurde. Es wird dann ziemlich auffällig aus der Herde gelöst, so dass der Täter mitten im bemerkenswert unaufmerksamen Suburbia vor aller Leute Nasen zu Werke gehen kann. Blutbesudelt in der strahlend leuchten Arbeitskleidung mitten in der Nacht oder gar zur Mittagszeit einen tiefen Luftzug nehmen, umringt von Fenstern, die nachweislich neugierigen Menschen gehören… das muss man erst mal bringen.
Trotz dieser doch sehr exklusiven Eigenschaften bleibt der steife Mann mit der Fliege aber ein schlecht ausgearbeiteter Holzschnitt, dem etwas mehr Profil gutgetan hätte. Bis dato wurde ein Killer bislang noch immer über seine Kills bewertet, und was das angeht, fehlten offenbar Mut und Mittel, um mal richtig zu liefern. Das breitgefächerte Arsenal an Arbeitsinstrumenten, das in der Auswahl fast dem des Operationsbestecks eines Mediziners Konkurrenz machen kann, hätte auf so wunderbare Weise zweckentfremdet werden können. Die Eiskelle, die Spaghettieispresse, der Quirl, dazu Schirmchen und Strohhalm als Garnitur. Diese Möglichkeiten werden kaum genutzt, stattdessen sterben zwei, drei Early Twens recht unspektakulär im Off, zumeist durch das berühmt-berüchtigt-langweilige Küchenmesser, das wohl eher einem Metzgermörder als Accessoire gestanden hätte. Ein in Anzahl und Umsetzung jedenfalls enttäuschender Bodycount, der weit davon entfernt ist, ein haptisches Gefühl für weiche Eismasse im knusprigen Hörnchen zu erzeugen. Zumindest Komponist Michael Boateng eilt dem sich redlich mühenden Johnsen zur Hilfe, indem er dessen Auftritte mit einem wunderbar passenden Synthie-Score unterlegt, der Frostkristalle in der warmen Luft entstehen lässt.
Mit welch abwegigen Wendungen der Film schließlich auf sein Finale zusteuert, lässt sich gar nicht so richtig in Worte fassen. Die Mär vom irrationalen Teenie, das im Angesicht der Gefahr die dümmsten Entscheidungen trifft, gilt gleich doppelt und dreifach für die Ü30-Mutter und all ihre neuen Bekanntschaften. Aus dem Haareraufen kommt man da gar nicht mehr heraus. Aber was macht das schon, wenn das Drehbuch anschließend die Rolle der Putzfrau übernimmt und alles sauber macht, als wäre nichts gewesen. Es wird zwar in der Auflösung eine Lesart angedeutet, mit der die eklatanten logischen Defizite an Gewicht verlieren, nichts jedoch ändert das an dem völlig verkorksten Aufbau von Szenen und der mangelhaften Verknüpfung von Slasher-Elementen und emanzipatorischer Bewältigung von weiblichen Bedürfnissen.
Insofern ist von einem spektakulär gescheiterten Vorstadtexperiment zu sprechen. Es steckt tatsächlich sogar ein ambitionierter Film in „The Ice Cream Truck“, zumindest handelt es sich nicht um einen handelsüblichen Psychokiller-Streifen von der Stange. Allerdings fehlt jeglicher Zugriff auf das sich verselbstständigende Geschehen am Set, das von dem wirklich seltsamen Drehbuch auch noch permanent in die falsche Richtung gescheucht wird. Wäre man in so einem Vorort der Eismann, würde man nur zu gerne selbst aufräumen…