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„Verbrannte Chancen"

Der „Firefighter" ist eine uramerikanische Heldenfigur. Das liegt weniger an dem im Vergleich zur hiesigen Attitüde völlig unverkrampften Verhältnis zum Heldentum, sondern weit mehr an den Verheereungen, die dort regelmäßig durch großflächige Brände und andere Naturkatastrophen angerichtet werden. In Kombination bedeutet dies, dass die existentiellen Bedrohungen und Heroen nicht gerade abgeneigte Filmindustrie sich immer wieder gern der behelmten Lebensretter annimmt, ganz besonders, wenn reale Großtaten Pate stehen. „Only the Brave" - der deutsche Verleih hat sich zum wiederholten Mal nicht entblöded einen vermeintlich zu martialischen Titel in das vermeintlich unverfänglichere „No way out" umzudichten - ist ein Musterexamplar dieser Gattung.

Anno 2013 drohte das Yarnell Hill Fire die Kleinstadt Yarnell in Arizona zu zerstören. Eine der dort eingesetzten Feuerwehr-Spezialeinheiten - die Granite Mountain Hotshots - wurde von einem plötzlichen Wetterumschwung überrascht und daraufhin von den Flammen eingeschlossen. Von den 20 Mitgliedern starben 19 im Feuer, rein zahlenmäßig eine der größten Katastrophen in der Geschichte der amerikanische Feuerwehren. Der einzige Überlebende Brendan McDonough wurde anschließend jahrelang gemobbt, bis eine Kommison endlich seine Unschuld an der Katastrophe feststellte. Auch den Witwen seiner verstorbenen Kameraden erging es nicht viel besser, als sie gegen die schmalen Abfindungen und Versicherungszahlungen klagten. Eine Geschichte also, die den oft zweischneidigen Umgang der USA mit ihren Helden zeigt und sich gerade deshalb für ein Filmdrama regelrecht aufdrängt.

Und tatsächlich ist „Only the Brave" alles andere als das handelsübliche schwülstige, Pathos-getränkte Heldenepos, das den vielfach verklärten Frontier-Kämpfer in modernen Weihrauch hüllt. Joseph Kosinski hat sich die Autobiographie McDonoughs zu Herzen genommen und sich der Crew der Granite Mountain Hotshots vor allem auf menschlicher Ebene angenommen. Um diesen charakter-zentrierten Ansatz nicht an dem nach Sensationslust schreienden Katastrophenszenario zerschellen zu lassen, braucht es allerdings einen wahrhaft hochklassigen Cast. Wie bestellt, so geliefert, möchte man fast sagen. Angeführt von Josh Brolin, über Jeff Bridges, Miles Teller, Taylor Kitsch und Jennifer Connelly liest sich die Besetzungsliste jedenfalls wie das Who is Who gestandener Charaktermimen. Es scheint also alles wie gemalt für ein gleichermaßen episches wie psychologisch viellschichtiges Portrait der tragischen Feuerwehrhelden. Nur leider bekommt eben auch der versierteste Künstler und der gestandenste Profi Probleme, wenn er mit minderwertigem Handwerkszeug arbeiten muss. Konkret gemeint sind hier dünnes Skript und holpernde Dramaturgie.

Dass die Granit Mountain Hotshots allesamt eher einfach gestrickte Charaktere waren, taugt hier keinesfalls als Entschuldigung. Eheprobleme, frotzelnde Männerbund-Rituale, Drogenprobleme, oder der Kampf um die ersehnte Gratifikation zur Spezialeinheit (den „Hot Shots") mögen alltägliche und wenig komplexe Begebenheiten sein, dennoch sind sie für die betroffenen Menschen zentral und lebensbestimmend und eignen sich daher bestens für scharfe Charakterprofile und Einblicke ins jeweilige Seelenleben. Serviert man all dies aber nur schlaglichtartig und häppchenweise, wird es auch für Brolin und Co zur Sysyphusarbeit, dabei so etwas wie lebensechte und vor allem Empathie fördernde Figuren zu erschaffen.

Gerade der von Brolin verkörperte Crew-Leader Eric March wäre dafür geradezu prädestiniert. Als ehemaliger Junkie wird der brandgefährliche Job zur Ersatzdroge, an der auch der spät aber heftig aufkeimende Kinderwunsch seiner Gattin Amanda (Connelly) zerbricht, zumal er gegenüber seinen Kameraden längst in die verschmähte Vaterrolle geschlüpft ist. Beide Traumata versucht er zudem mit der Integration des von Sucht und unerwarteter Vaterschaft geplagten „Donut" McDonough (Miles Teller) zu verarbeiten, was ihn letzlich zu einem psychologisch hochinteressanten Charkter macht. Es tut fast weh, den begabten Brolin hier lediglich sein Charisma und seine Präsenz einbringen sehen zu dürfen, da ihm ansonsten nur recht oberflächliche Phrasen gegönnt werden.

Darüber hinaus gelingt es Regisseur Kosinski auch nie, den ständigen Wechsel zwischen Privatleben und gefährlichem Job in eine progressive Dramaturgie zu gießen, die schließlich im tragischen Katastrophenfinale ihre volle Wucht entfalten könnte. Statt dessen zeigt er immer wieder vergleichsweise unaufregende Trainingseinheiten und kleinere Einsätze. Der todbringende Yarnell Hill Fire-Einsatz kommt dann beinahe folgerichtig fast schon antiklimatisch daher und handelt das Unglück zeitlich kurz und tonal nüchtern ab. Nicht dass man eine zuckrige Heldeneloge à la Steven Spielberg oder Michael Bay herbeisehen würde, aber dem Ereignis so ganz ohne Ergriffenheit und emotionales Geschütz zu begegnen, ist dann doch zu beliebig und belanglos.

Schade auch, dass der Film gänzlich auf die kontroverse Nachgeschichte um die zunächst angezweifelte und dann lange verweigerte Reputation der Feuerwehrleute verzichtet. Zumal doch mit Jennifer Connelly als Vetreterin der Ehefrauen und Miles Teller als einzigem Überlebenden zwei Schwergewichte zur differenzierten Aufarbeitung bereit gestanden wären. „Only the Brave" ist somit eine ehrenwerte und für Hollywood-Verhältnisse auffällig unpathetische Denkmalsetzung für den heroischsten aller zivilen US-Berufe. Warum man aber deshalb seine überdurchschnittlichen Darsteller lediglich an der Oberfläche kratzen lässt und auf jegliche gängige Spannungsdramaturgie pfeift, ist wenig nachvollziehbar. Und so geht das Warten auf den ersten zugleich mitreißenden und tiefgehenden Hollywoodfilm über den All-American-Firefighter mal wieder in die nächste Runde. Für ein solch stetig brandaktuelles Thema im Prinzip ein Armutszeugnis. Die Wildfire-Feuerwehrleute bekämpfen ja Feuer gern mit Feuer. Regisseur Kosinski hat diese Taktik wohl zu wörtlich genommen und die große Chance auf einen großen Genre-Film recht humorlos abgefackelt.  

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