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Todd Haynes "Wonderstruck" gehört zu den raren Werken, wie es sie nur alle paar Jahre einmal gibt. Er ist ein Gesamtkunstwerk. Regie, Drehbuch, Kamera, Ausstattung, Musik – brilliant. Praktisch kein Teilbereich, der gegenüber den anderen abfällt; jeder Beitrag passt perfekt ins Gesamtbild. Die schauspielerische Leistung des Kinderdarstellers Oakes Fegley wirkt gegenüber dem Rest zwar etwas schwach, doch das spielt angesichts des Gestaltungsaktes, der dem Film zugrunde liegt, kaum eine Rolle.

Das Drehbuch stammt von Brian Selznick, dem Autor der Romanvorlage zu Martin Scorseses ebenso mirakulösen Film "Hugo" (2011). Auch "Wonderstruck" liegt ein Roman Selznicks zugrunde, und diesmal schrieb er das Drehbuch gleich selbst.

Der Film erzàhlt die Geschichten zweier Kinder. Ben (Fegley), dessen Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, lebt im Jahr 1977 bei der Familie seiner Tante. Die Geschichte der gehörlosen Rose (Simmonds) hingegen spielt 1927. Nun hüpft der Film permanent zwischen den Zeiten hin und her, zwischen Rose und Ben, zwischen Schwarzweissfilm und Farbfilm, zwischen Stummfilm und Tonfilm. „Hüpfen“ ist allerdings das falsche Wort – es ist zu hart. Die Übergänge sind oft wunderbar fliessend und geschehen manchmal fast unmerklich.
Beide Epochen werden mit bemerkenswerter Akribie und Genauigkeit lebendig gemacht.

Ben, der Nachts des öfteren von immer demselben Alptraum geplagt wird – er wird im Wald von einem Wolfrudel verfolgt – will gern wissen, wer sein Vater war. Dass ihm das niemand sagen will oder kann, wird für ihn zunehmend zur Belastung. Als er eines Tages in den Sachen seiner Mutter einen Hinweis auf den Vater findet, haut er ab und fährt per Greyhound nach New York. Kurz vorher wird er durch einen Blitzschlag taub.
Die etwa gleichaltrige Rose tut 1927 dasselbe, aus anderem Grund: Sie flüchtet vor ihrem überstrengen Vater und dem neuen Gehörlosen-Lehrer – ebenfalls in die grosse Stadt. Dort will sie die berühmte Stummfilmschauspielerin Lillian Mayhew (Moore) finden.

Von da an verdichtet sich Wonderstruck immer mehr. Die Wege der beiden Kinder kreuzen sich permanent – zu verschiedenen Zeiten, an denselben Orten. Ganz nebenbei wird so, anhand der unverrückbaren und unveränderlichen Schauplätze und Dinge, die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens thematisiert.
Die Geschichten von Ben und Rose kommen sich räumlich immer näher, bis sie im New Yorker im Museum of Natural History eine Art Endstation erreichen. Von dem Moment an werden sie, wie in einem Kaleidoskop umgedreht, die Zeitebene faltet sich auseinander und die Bewegung der beiden Schicksale setzt sich weiter fort, was schliesslich zu einer Art Verschränkung führt.
Das klingt schwer verständlich, ich weiss, doch zuvieles darf nicht verraten werden.

Die Erzählstruktur von Haynes‘ neustem Film ist höchst ungewöhnlich, vom Film-Ende her gesehen aber einleuchtend und bewunderungswürdig konsequent. Was da im letzten Drittel kommt, erwartet man nicht. Es ist mehr als eine Antwort auf die während der ersten zwei Drittel sporadisch auftauchende Frage, was „das“ eigentlich soll.

"Wonderstruck" ist, wie der Titel passend suggeriert, ein Film über die Wunder der Welt und des Lebens. Dabei lässt er eine Kino-Magie entstehen, welche dieses Wunder mittels unerhörten Bildern und Klängen greifbar und glaubhaft macht. Und das ist mehr, als was das Gros der Filme üblicherweise zu erreichen imstande ist.

Dass dieser grossartige Film bei uns nicht auf Blu-ray oder DVD erhältlich ist, ist schlichtweg eine Schande!

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