Review

Der in der Kommunikationsabteilung einer Bank tätige Kyle (Fran Kranz) führt ein eher langweiliges Leben (mit Frau, Tochter und Kreditraten für das Eigenheim), als ihn eines Tages ein ehemaliger Studienfreund aufsucht. Dieser Zack (Adam Goldberg), den Kyle jahrelang nicht gesehen hat und von dem er auch ansonsten nichts Näheres weiß, kommt recht unvermittelt mit dem Vorschlag an, Kyles "Leben retten zu wollen". Hierzu läd er ihn am nächsten Wochenende zu einem Seminar ein, über dessen nähere Umstände er aber nichts preisgibt. Kyle, der weder Interesse noch Zeit dafür hat, lässt sich von Zacks "Hey-wir-sind-doch-alte-Kumpels"-Tour jedoch breitschlagen und willigt ein...

Rebirth, im Zuge von Förderungen von Indie-Filmprojekten über netflix produziert, ist als Thriller angelegt, entwickelt sich jedoch im Lauf des Films zu einem raffinierten Psycho-Drama, bei dem der Zuseher in der Perspektive von Kyle lange Zeit im Unklaren darüber gelassen wird, worum es eigentlich wirklich geht. Das überraschende Ende des Films verdient sich eine Interpretation - wer sich die Spannung erhalten möchte, sei gewarnt, daß die folgenden Zeilen einige Spoiler enthalten.

Kyle verbringt die erste Nacht in einem Hotel, wo er sich entspannen soll - mittels einiger Hinweise gelangt er dann zu einem Parkplatz, auf dem ein Bus auf ihn wartet. Mit ihm fahren noch weitere Probanden - um das Ziel nicht zu erahnen, müssen sie während der Fahrt Masken tragen. Die Fahrt endet an einem Anwesen, wo sich die Gruppe dann in einem großen Raum einfindet und ähnlich einem Treffen alter Kameraden locker und ausgelassen gibt. Es wird der Eindruck erweckt, daß die meisten Anwesenden bereits öfter hier waren und Kyle sowie einige andere Neulinge seien, die die Sitten und Gebräuche noch lernen müssten, wozu sie aber wohl in der Lage seien. Und überhaupt, zu den vier Grundsätzen des Rebirth genannten Programms gehört auch, daß man jederzeit gehen kann, wenn man keine Lust mehr hat. Da kann eigentlich nicht viel schiefgehen. Oder?

Sehr gut gefallen hat mir die Vorgangsweise, alles aus der Sicht Kyles zu schildern. Auch wenn er kein Sympathieträger ist, soll (und kann) man sich schnell mit ihm identifizieren, indem man seine Verwunderung über bestimmte Dinge, seine dennoch vorhandene Neugier und seine Reaktion auf bestimmte Vorfälle übernimmt, da Kyle sich recht "normal" verhält und sein Verhalten nachvollziehbar ist.

Zunächst wird Kyle von einer geheimnisvollen Frau aus dem großen Raum mit den Anderen herausgelockt. Unter dem Vorwand, er sei noch nicht reif für Rebirth, was sich Kyle jedoch nicht eingestehen will, findet er sich in einem anderen Raum wieder. Die Vorgänge dort beunruhigen ihn, sodaß er flieht. In dem großen Anwesen, das ebenso ungepflegt wie weitläufig erscheint, findet er sich nicht zurecht. In jedem Raum den er betritt findet er eine Gruppe von Menschen, die sich seltsam verhalten. Als er in einem der Zimmer unvermittelt eine Ohrfeige erhält, während ihm der Schlagende im jovialsten Ton versichert, "Hey, es ist eh alles ok. Bleib da, es ist alles in Ordnung" hat er die Schnauze voll und will nur noch raus. Auf dem Weg zum Ausgang, den er verzweifelt  sucht, nicht findet und den es zumindest für ihn doch nicht zu geben scheint, hört er plötzlich Schmerzensschreie seines "alten Freundes" Zack. Entgegen der Warnung anderer Anwesender bricht er die entsprechende Türe auf und findet Zack angebunden und offensichtlich gegen seinen Willen gefangen vor - seine Instinkte, den alten Freund da rauszuholen, erwachen in ihm...

Die dramatischen Vorgänge, bis Kyle endlich doch den Ausgang findet, zum Bus gelangt und endlich wieder zuhause, in seiner gewohnten Umgebung ankommt, sind sehr anschaulich und nachvollziehbar abgedreht. Auch ohne größere Requisiten ist Rebirth ein beklemmender Thriller, der einige Anleihen an Hirschbiegels Das Experiment von 2001 oder auch Fight Club nimmt.

Spoiler warning: Der Clou an der ganzen Sache, die von Anfang an ein abgekartetes Spiel darstellt, das nur und ausschließlich auf Kyle - als Bankangestellten mit den nötigen Passwörtern -  zugeschnitten ist, wird meiner Ansicht nach etwas zu spät, nämlich erst ganz zum Schluß offensichtlich, als dem völlig entnervten Kyle angesichts seines "fürchterlich" umgeräumten  Zuhauses nichts anderes übrigbleibt, als sich auf einem  bereitgestellten Laptop mittels Passwort in seine Bank  einzuhacken, um der betrügerischen Rebirth-Sekte den Diebstahl von Geldern zu ermöglichen. Der während des Abspanns gezeigte 5-Jahre-später-Bericht (für dessen deutlich ironischen Unterton man sich ruhig etwas mehr Zeit hätte nehmen können) zeigt dann vollends die Gehirnwäsche des auf NLP-Methoden aufbauenden Betrugsunternehmens Rebirth, welches sich in einem Werbespot als "Lebensverbesserung" präsentiert und neben Seminaren vor allem Nahrungsergänzungsmittel verkauft. Ein Seitenhieb - mit Augenzwinkern: Adam Goldbergs Dominanz zum Schluß - auf die Praxis diverser Sekten.
6 Punkte.

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