Nicht selten versucht eine Marketing-Abteilung mithilfe eines werbewirksamen Covers eine Zielgruppe anzusprechen, die den Streifen aufgrund der erzählerischen Schwerpunkte wahrscheinlich nie sichten würde. So suggeriert das Cover von „Off Piste“, wie der Film im Original heißt, einen halbwegs blutigen Survival-Thriller im Schnee. Tatsächlich geht es um eine Charakterstudie, die erst in den letzten 20 Minuten etwas Fahrt aufnimmt.
Der ehemalige Soldat Stanley hat sich in die französischen Alpen zurückgezogen, wo er sich in einer abgelegenen Hütte um seine blinde Mutter kümmert. Niamh ist aus Belfast angereist, um Stanley unter einem Vorwand zu treffen, - sehr zum Missfallen ihres Freundes Ethan…
Wer bei der einnehmenden Exposition ein wenig aufpasst, hat den Rest der Geschichte rasch durchschaut, denn im Groben geht es um Themen wie Vergeltung und Erlösung und um tief verwurzelte Traumata, weshalb Stanley regelmäßig eine Therapeutin aufsucht und Niamh schon einige Male versucht hat, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Die Story setzt vor zwölf Jahren in Nordirland an und obgleich keine Begrifflichkeiten genannt werden, leuchtet der politische Zusammenhang sogleich ein.
Allerdings lässt sich die Erzählung recht viel Zeit, bevor sie überhaupt die wesentlichen Figuren aufeinander treffen lässt. Nebenfiguren und deren Motivationen liegen dabei oft im Dunkeln, vieles wird nur unzureichend ausformuliert und als Niamh in der Hütte eintrifft und Stanleys Mutter die Situation zu leiten versucht, kommt es zu einigen arg konstruiert wirkenden Momenten, die man allenfalls nach Wochen des Kennenlernens, jedoch nicht am ersten Abend erwarten würde.
Zwar sind die Außenaufnahmen solide gefilmt, doch die Schneelandschaft und die damit verbundene Isolation kommt viel zu selten zur Geltung, zumal sich ein Grossteil in der Berghütte abspielt und die titelgebende Piste, die als Metapher für die falsche Spur im Leben steht, kaum von Bedeutung ist. Demgegenüber bringen die Besuche bei der Therapeutin kaum Lösungsansätze und auch die Beziehung zwischen Niamh und Ethan bleibt nebulös, denn auch diesbezüglich werden nur Andeutungen getätigt.
Darstellerisch wird derweil passabel performt, was sich primär im finalen Akt bemerkbar macht, als das Tempo endlich angezogen und auf Konfrontationskurs gewechselt wird. Es fließt ein wenig Blut und vielleicht überlebt nicht jeder das Finale, welches mit einer weitgehend zufrieden stellenden Pointe abschließt.
Dennoch dürfte es der Streifen unterm Strich schwer haben, eine adäquate Zielgruppe zu finden, denn 80 Prozent wird mit Drama bestritten, der Rest besteht aus Thrill und minimaler Action, was nur bedingt Suspense zutage fördert. Handwerklich okay, doch inhaltlich zu dünn und vorhersehbar, um über die Laufzeit von 90 Minuten eine eher behäbige Erzählweise zu rechtfertigen.
4,5 von 10