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2008 hatte Ric Roman Waugh bereits einen Thriller über die Zustände in amerikanischen Gefängnissen gedreht, allerdings deutlich oberflächlicher und schauwertorientierter als in „Shot Caller“, seiner bisher wohl reifsten und besten Regiearbeit.
Der Zuschauer wird zu Beginn Zeuge wie Jacob Harlan (Nikolaj Coster-Waldau), genannt Money, aus dem Gefängnis freikommt. Ein hohes Tier der Arian Brotherhood, das von dem knallharten Bewährungshelfer Kutcher (Omari Hardwick) im Auge behalten werden soll. Doch Jacob ist ein Profi, wie man schnell lernt: Er weist Gangkollegen wie Frank (Jon Bernthal) an seine Rückkehr nicht zu groß zu feiern, damit er kein Aufsehen erregt und beauftragt ein Gangmitglied, das dem Gesetz noch nicht groß aufgefallen ist, als seinen Chauffeur. Das beißt sich mit der Art seiner impulsgetriebenen Kameraden, verdeutlicht aber auch den Sonderstatus, den der kriminelle Profi in diesem Gefüge innehat.
Eine erste Rückblende offeriert allerdings einen Überraschungsmoment: Jacob war früher Geschäftsmann in guten Kreisen, der mit seinem Kumpel Tom (Max Greenfield) zusammenarbeitete. Doch nach einem fröhlichen Abend mit ihren Ehefrauen Kate (Lake Bell) und Jennifer (Jessy Schram) baut Jacob im angetrunkenen Zustand einen Unfall, den Tom nicht überlebt. Er kassiert eine längere Haftstrafe und schließt sich dort zu seinem Schutz der Arian Brotherhood. Dabei arbeitet der Film gelungen mit dem (nicht nur optischen) Kontrast zwischen dem adretten, neureichen Großverdiener und dem tätowierten, bärtigem und wild frisierten Gangmitglied, die zwar ein und dieselbe Person sind, zwischen denen aber Jahre und Welten liegen.

Während in Rückblenden Jacobs Werdegang zu Money geschildert wird, arbeitet er in der Gegenwart an einem Waffendeal für seine Gang, der innerhalb weniger Tage über die Bühne gehen soll. Dabei hat Jacob vor allem Kutcher im Nacken, der ahnt, dass der gerissenen Gangleader krumme Dinge im Schilde führt…
Man erkennt wiederkehrende Motive im Schaffen von Ric Roman Waugh als Regisseur und Drehbuchautor. Wie in „Felon“ geht es hier um das Gangwesen im Knast und die dortigen Zustände, wie „Snitch“ berichtet auch „Shot Caller“ von den Tücken des möglichen Abrutschens in ein kriminelles Milieu, was schneller gehen kann als man denkt. Vor allem schneller als Geschäftsmann Jacob es denkt. In seinen besten Momenten erinnert das an Taylor Hackfords meisterlichen „Blood In Blood Out“ ohne ganz dessen Intensität zu erreichen. Außerdem gibt es „Shot Caller“ zwar Einblicke in Gangwesen und -struktur, aber nicht ganz so tiefgehend und vor allem anhand eines spannenden, aber nicht gerade repräsentativen Werdegangs im kriminellen Milieu – da war der Weg der verarmten Chicanos in „Blood In Blood Out“ eher repräsentativ.

Dass dieses Einzelschicksal packt, ist nicht zuletzt der hervorragenden Darbietung von Nikolaj Coster-Waldau zu verdanken, der Jacob in all seinen Facetten zu verkörpern weiß: Der biederen White-Collar-Professional, den Gangaufsteiger, den eiskalten Planer, den Familienvater usw. Dabei führt er den Zuschauer gelungen auf ein Terrain, das Unwohlsein verursacht, wie viele Klassiker des Gangsterfilms: Einerseits drückt man dem Mann die Daumen, da er die Hauptfigur ist und man seine Motivationen kennt, andrerseits muss man auch merken, dass man zu einem eiskalten, pragmatischen Mörder hält, für den Menschenleben nur Teil einer Kosten-Nutzen-Rechnung sind. Und gleichzeitig gibt es da Momente, die wieder Sympathien für Jacob aufkeimen lassen: Dass er seine Familie durch das Wegschubsen schützen will oder dass er zu einer Mentor für seinen jungen Helfer wird. Da scheinen Waughs Actionwurzeln durch, denn auch Jacob ist ein Mann, der tut, was getan werden muss, gerade zum Schutz der Seinen, ähnlich wie Actionhelden, hier allerdings in einem wesentlich negativeren Licht, was gut zur ambivalenten Note des Films passt.
Coster-Waldau ist dabei klar der Star der Show, doch er wird unterstützt von einem Ensemble bekannter Nebenrollengesichter. Lake Bell gibt die Ehefrau des Shot Callers, die zwischen Liebe für und Abscheu für ihren fremdgewordenen Ehemann schwankt, während Jon Bernthal als für Jacobs wichtigstes Gangmitglied in einer facettenreichen Rolle auftrumpfen kann. Max Greenfield und Jessy Schram sind nur für kurze Rückblenden an Bord, während Jeffrey Donovan den Anführer Bottles gibt, der Jacob in die Arian Brotherhood einführt. Omari Hardwick überzeugt als harter Hund und Verfolger, ist aber nicht der große Gegenspieler, sondern eine wichtige Nebenfigur. In kleinen, aber prägnanten Rollen treten Benjamin Bratt, Evan Jones und der eindrucksvolle Holt McCallany (als oberster Gangchef The Beast) auf.

So ist „Shot Caller“ gleichsam schonungslose, aber nicht effekthascherische Zustandsbeschreibung, Gangsterdrama und Thriller. Die Stränge werden gut verzahnt, auch wenn der Werdegang Jacobs immer etwas interessanter als die Gegenwartshandlung erscheint. Doch durch die Kutcher-Figur, mit der sich Jacob ein Duell der Schlauköpfe liefert, bleibt auch dieser Part spannend: Der eine plant voraus und versucht kriminelle Dinger unter den Augen des anderen zu drehen, während jener genau weiß, was Money vorhat, es ihm aber erst einmal nachweisen muss. Dabei schrecken beide vor keiner Maßnahme zurück: Beeinflussung von Freunden, Erpressung und sogar Mord.
Problematisch wird das Ganze nur im Abgang, wenn Waugh seinem Gangsterdrama nicht mehr ganz zu vertrauen scheint und sich auf der Zielgeraden für oberflächlichen Thrill und einige Twists entscheidet, die das außergewöhnliche, aber durchaus denkbare Schicksal Jacobs schließlich doch zu einem Ausnahmefall machen, den es nur auf den Seiten eines Hollywooddrehbuchs gibt. Das macht den Film nicht schlecht, sorgt auch für einen überraschenden Ausgang, beißt sich aber mit dem vorigen Knast- und Gangsterdrama, in dem es mehr um die Figuren als um eine konstruierte Geschichte ging.

Doch „Shot Caller“ bleibt eine packende Milieustudie mit grandiosem Hauptdarsteller, die auch ein paar interessante Gedanken zum Justizsystem der USA enthält ohne ins Predigende zu verfallen. Spannend und hervorragend besetzt erzählt Waugh die Geschichte eines außergewöhnlichen Einzelschicksals, die gegen Ende leider zu sehr auf oberflächliche Thrillerwendungen setzt. Trotzdem ein gelungener, leider etwas untergegangener Beitrag zum Thema Gefängnis, Gangs und Verbrechertum.

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