kurz angerissen*
Scheinbar unvermittelt bricht der Horror ins Leben ein. Eine Sekunde verändert alles. Vor einem Büro für Steuern und Übersetzungen explodiert eine Nagelbombe und löscht eine Familie aus. Übrig bleibt nur eine Mutter und der verzweifelte Wunsch nach Gerechtigkeit.
Der Titel "Aus dem Nichts" beschreibt eine Ohnmacht, die darin liegt, vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden, ohne noch in den Verlauf eingreifen zu können. Nicht zuletzt beschreibt er eine gewisse Naivität in Bezug auf die Annahme, der Rassismus könne inzwischen besiegt worden sein. Vielleicht handelt es sich dabei aber sogar um die bewusst gefällte Entscheidung, die Augen zu verschließen vor dem Hass gegenüber dem Fremden, der schon immer im Verborgenen gelauert hat. Fatih Akin zeichnet dabei ein recht vages Modell der Xenophobie, indem er die Beweggründe für die Tat im Abstrakten lässt. Womit er letztlich eindeutige Stellung bezieht: In die Position eines Menschen, der andere Menschen aus niedrigen Beweggründen tötet, kann und will er sich nicht hineinversetzen.
Man könnte Akin vorwerfen, dass er viele Eimer schwarzer und weißer Farbe benötigt, um die Grautöne auf die Leinwand zu bringen. Gerade die Szenen vor Gericht provozieren die Empörung regelrecht mit himmelschreienden Ungerechtigkeiten und arroganten Strafverteidigern (jedes abschließende "Danke" aus dem Munde von Johannes Krisch nach Abschluss seiner dünnen Vorträge brennt wie Feuer auf der Haut). Deutlich als "gut" oder "böse" konnotierte Figuren (der Anklageanwalt und der Vater des Täters beispielsweise auf der einen Seite, die Täter selbst und ihre Helfer auf der anderen) besetzen das Spielfeld wie in einer Kriegssituation. Später gerät das im Ansatz so realistische Drama sogar zum hollywoodreifen Selbstjustizthriller. Dennoch gelingt es dem Regisseur, viele kleine Konflikte einzubauen, die wie ein chemischer Bauplan zur Eskalation funktionieren: Überforderte Beamte, ein handlungsunfähiges Justizsystem, soziale Missstände, die Tücken sozialer Medien und Reibungspunkte zwischen den unterschiedlichen Religionen verbinden sich zu einer gefährlichen Mischung, die in diesem Fall zu irreversiblen Geschehnissen führt.
Darüber hinaus versteht es Akin wie derzeit kaum ein zweiter Filmemacher in Deutschland, Empathie für die Figuren zu erzeugen und die Tragik nacherlebbar zu machen. Zu verdanken hat er das allerdings auch einer herausragenden Leistung Diane Krugers, vielleicht sogar der besten, die sie jemals gezeigt hat. Ihre Auftritte wirken so ungeschminkt und direkt, dass sie auch dabei helfen, die aus dramaturgischen Gründen überspitzt dargestellten Ereignisse der zweiten Hälfte in portionsgerechte Stücke zu schneiden.
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