Friedkins erster Geniestreich
William Friedkin wird in der Rezeptionsgeschichte modernen Kinos auf drei Werke reduziert: „The French Connection" (1971), „The Exorcist" (1973) und „Cruising" (1980). Gerade die ersten beiden genannten Filme gelten als wegweisende Klassiker, zumindest innerhalb ihres Genres und das auch vollkommen zurecht. Andere Werke des Regisseurs fristen eher ein Nischendasein, was ihre Qualität hier aber nicht schmälern soll.
Die Direktheit, mit der der Regisseur seine Figuren mit den unterschiedlichsten Situationen konfrontiert, verleiht oben genannten Filmen etwas Rohes und zutiefst Menschliches. Bei „The Exorcist" ist dies vermutlich noch außergewöhnlicher als bei diesem Thriller, der seiner Entstehungszeit und den damit verbundenen Themen sehr verbunden ist und ein beinahe naturalistisches Bild der dargestellten Welt zeichnet.
New York in den frühen Siebzigern ist ein Moloch voller sozialer Spannungen und die sehr eng gefasste Perspektive durch die Augen der beiden Ermittler „Popeye" Doyle (Gene Hackman) und „Cloudy" Russo (Roy Scheider) lässt den Zuschauer unmittelbar mit im Dreck wühlen. Ein Kunststück ist Friedkin mit der Darstellung des von Armut geprägten Drogenmilieus gelungen, das frei von Wertung die beiden Polizisten bei ihrer Arbeit wahrnehmbar gegen Windmühlen kämpfen lässt. Drogensucht wird hier nicht stigmatisierend dargestellt und rassistische Vorurteile gegenüber einer mehrheitlich schwarzen Unterschicht habe ich nicht wahrnehmen können. Ebenso wird die in der amerikanischen Gesellschaft verankerte Rassismusproblematik auch nicht kritisiert. Vielmehr entpuppt sich „Brennpunkt Brooklyn" als der Realität verhaftetes Sittenbild, ohne uns tiefere Einblicke in das dargestellte Milieu zu gewähren. Dies ist schlicht nicht die Prämisse des Films, der sich jedes zu simplen Gut-Böse-Schemas verweigert.
Die Prämisse besteht allein in der Verfolgung der Ermittlungsarbeit der beiden Cops, die den französischen Drogenschmuggler Charnier dingfest machen wollen, um endlich mal einen großen Fisch zu fangen und so etwas Sinnstiftendes in ihrem Job zu finden. Gerade bei der Figur Doyle führt dies zu einem wahnhaften Verhalten und es wird immer wieder eine Spannung zwischen den beiden Partnern angedeutet und eindeutig hat Doyle das Sagen. Russo bleibt nur das Zähneknirschen. Ebenso wird auf den Nemesis Charnier ein interessantes Licht geworfen, denn oberflächlich betrachtet wirkt die Figur eigentlich ganz sympathisch. Das Wissen um seine Bedeutung und seine Handlungen im Hintergrund, der Film beginnt mit einem Mord durch einen Handlanger, lassen einen die Motivation der Polizisten aber fast besser nachvollziehen. Charnier ist der Großkriminelle, der immer entkommt.
Diese Figurenzeichnung ist eine der großen Stärken des Films, denn die Nähe zu den beiden Polizisten ermöglicht in Zusammenwirkung mit der wirklich fantastischen Umsetzung ein immer unter Spannung stehendes Filmerlebnis, das einen ziemlich rasanten Rhythmus aufweist. Selbst Observierungsszenen haben meine Aufmerksamkeit aufrecht gehalten und ganz nebenbei werden sie zu weiteren Kontrastierung sozialer Spaltung genutzt. So beobachtet Doyle den Schmuggler beim Betreten eines Luxushotels von der anderen Straßenseite, neben ihm schläft eine Person auf dem Gehweg. Oder er sieht Charnier beim Essen mit Geschäftspartnern in einem gediegenen Restaurant zu, während er frierend auf der anderen Seite der Straße ein Pizzastück in sich stopft. Und in allen diesen Szenen vibriert New York laut um die Figuren herum. Die Stadt wird eindrucksstark in Szene gesetzt.
Das Filetstück des Films bilden die Verfolgungen, die zu Fuß und sehr spannend oder mit dem Auto und recht brachialer Action dargeboten werden. Auch hier setzt Friedkin auf die direkte Nähe, verzichtet auf Spielereien und reiht gerade bei der Autoverfolgung einer Straßenbahn knallhart Einstellung an Einstellung. Einfach großartig. Die Beschattung und Verfolgung des großen Gegenspielers zu Fuß durch das schmuddelige New York ist eine längere Sequenz, die nach und nach das Tempo anzieht und macht rückblickend meinen Lieblingsteil des Films aus. Niemals wurde so etwas besser inszeniert und auch wenn solche Szenen intensiv durchdacht sind, bleiben sie einfaches Filmhandwerk, das hier lediglich in seiner Effektivität ausgereizt wird. So gesehen könnte so etwas auch in einem „Tatort" passieren. Außendreh an Originalschauplätzen, drei bis vier Kameras, ein gut durchdachtes Storyboard, fertig. Aber natürlich gab es so etwas in deutschen Produktionen nie und auch die dem Genre verbundenen Filmländer Italien und Frankreich konnten mit dieser Rasanz nicht mithalten.
Besonders hervorheben möchte ich die musikalische Untermalung durch die Kompositionen von Don Ellis, die das filmische Gesamtkonzept dann veredeln. Die Musik drängt sich hier nicht auf, wird bei der Autoverfolgung sogar gänzlich weggelassen, aber der dem modernen Jazz entsprungene Score pointiert stellenweise die intensive Atmosphäre und trägt die pessimistische, fast schon nihilistische Perspektive auf das scheinbar unmögliche Unterfangen, dem Verbrechen in der als gänzlich korrupt dargestellten Welt Herr zu werden. So endet der Film ganz abrupt, ohne einen Epilog, der irgendwelche Schubladen, die der Film geöffnet hat, schließen würde. Zack. Aus.
FAZIT
„The French Connection" ist ein harter, direkter und hervorragend inszenierter Thriller, der großartige Darsteller, ein sehr gutes Drehbuch, einen sensationellen Schnitt und einen überraschend nuancierenden Soundtrack auffährt. Als Cop-Film setzt seine Machart ihn an die Spitze des Subgenres und verweist auch den wesentlich konstruierter wirkenden „Dirty Harry" auf die Plätze. Das ist „New Hollywood" in Reinform und ein Klassiker, der nie Staub ansetzen wird.
Zwei Jahre später brachte Friedkin dann „The Exorcist" als seinen nächsten Film ins Kino. Ich bin kein ewig Gestriger und lange nach Kinostart dieser Filme geboren. Aber solchen Zeiten im Kino trauert man doch etwas hinterher, wenn man auf zeitgenössische Großproduktionen schaut.