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In seinem dritten Fall ermittelt das Dresdner Duo Sieland/Gorniak nach Drehbuchvorlage Richard Kropfs unter der Regie Gregor Schnitzlers („Was tun, wenn’s brennt?“) im Milieu von YouTube-Kiddies, die selbstgedrehte Streiche, sog. Pranks, erzeugen und onlinestellen. Schnitzler hatte zuvor bereits bei drei „Tatorten“ die Regie übernommen, u.a. für den komödiantischen Weimarer Beitrag „Der treue Roy“. Die „Level X“-Erstausstrahlung erfolgte am 11.06.2017.

Robin Kahle alias Simson (Merlin Rose, „Als wir träumten“) ist bei der entsprechenden Zielgruppe beliebt für seine live ins Internet gestreamten Streiche. Als der 17-Jährige jedoch eine Rockerbande mit einer Drohne filmt – u.a. beim Stuhlgang –, wird er von den aufgebrachten Bikern durch die Stadt gehetzt – und vor laufender Kamera erschossen. Der Täter ist jedoch nicht im Bild. Kommissariatsleiter Schnabel (Martin Brambach) betraut die Hauptkommissarinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Henni Sieland (Alwara Höfels) mit dem Fall, dessen Spuren sowohl zum Chef der Agentur führen, für die Simson gearbeitet hat, den arroganten Schaumschläger Magnus Cord (Daniel Wagner), als auch zu Simsons ehemaligem Verbündeten Scoopy (Wilson Gonzalez Ochsenknecht, „Die wilden Kerle“) sowie zu Dr. Frantzen (Ulrich Friedrich Brandhoff, „Aus dem Nichts“), der illegal mit Medikamenten handelt. In Emilia Kohn (Caroline Hartig, „Tod eines Mädchens“) hingegen hatte Simson eine Verehrerin. Welche Rolle spielt sie in diesem Mordfall?

Ein „altes“, etabliertes Medium wie der öffentlich-rechtliche „Tatort“ möchte sich also kritisch mit einem „neuen“ Medium auseinandersetzen – klar, warum nicht. Aber muss das in einem ernstgemeinten Krimi wie diesem auf derart klischeehafte Weise geschehen? Man könnte meinen, Dresden bestehe hauptsächlich aus jungen Menschen, die permanent dieselben livestreamenden Selbstdarsteller kollektiv auf ihren Smartphones verfolgen und denen moralische Skrupel dabei ebenso fremd sind wie ihren fragwürdigen „Helden“ – oder auch deren Chefs: Magnus Cord soll ein hipper, doch wenig empathischer, arroganter Jungunternehmer sein, der in schlimmstem Geschäfts- bzw. „Marketing“-Denglisch hohle Phrasen absondert, wurde jedoch derart übertrieben überzeichnet und zudem sagenhaft schlecht von Daniel Wagner geschauspielert, dass die Fremdscham überwiegt.

Schnabel versteht natürlich nichts vom Internet und haut ein paar technologie- und fortschrittsfeindliche Floskeln heraus, wird zudem von Polizei-ITler Mommsen der privaten Nutzung des WWW an seinem Arbeitsrechner überführt – was Anlass für ein paar recht gelungene Gags und Dialoge auf Kosten des gewohnt karikierend von Brambach ausgelegten Kommissariatsleiters ist. Einige Einblicke ins Privatleben der Kommissarinnen, die – Achtung, Parallele zu Schnabel – sich beide gerade in keiner glücklichen Partnerschaft befinden, bekommt der Zuschauer ebenso geboten wie deren Jagd auf die roten Heringe. Dass man damit jedoch auf Dauer die Handlung zu keinem sinnvollen Ende bringen kann, ist anscheinend auch Autor Kropf aufgefallen, sodass letztlich doch eine gänzlich altmodische Vergewaltigung ins Spiel gebracht werden und als neuer Aufhänger herhalten muss. Ein dramatisches Finale versucht dann den Schulterschluss mit der „Generation Internet“, wenn diese bei der Suche nach einer Selbstmordgefährdeten behilflich sein kann und schließlich der Kripo ihren Respekt bekundet.

Glaubwürdiger macht das diesen Fall jedoch kaum, sodass auch am Ende der Eindruck überwiegt, der Autor sei mit der Thematik entweder überfordert gewesen oder hatte Anweisungen, jeglichen Realismus zugunsten einer möglichst reißerischen Handlung zu vernachlässigen. Das Ergebnis jedenfalls ist doch arg halbgar – netten Stilmitteln wie aufs Bild gelegten Tweets zum Trotz. Am stärksten ist dieser leider ziemlich misslungene „Tatort“ in seinen rar gesäten leisen, melancholischen Momenten, die ein Gefühl der Einsamkeit trotz ständiger Verbundenheit mit „sozialen Netzwerken“ vermitteln sowie immer dann, wenn er Raum zur Entfaltung seiner beiden Hauptdarstellerinnen findet.

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