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Wenn Mickey Mouse dir den Rücken zukehrt

Mit "Tangerine" hat Regisseur Sean Baker vor 2 Jahren eine der coolsten Überraschungen geschaffen, die ich je in einem Kino erleben durfte. Seitdem lasse ich den begabten Kerl nicht mehr aus dem Auge und konnte sein neues Projekt schon früh kaum noch erwarten. "The Florida Project" handelt von der kleinen Moonee und ihrer ziemlich asozialen Mutter, die sich in einem ranzigen "Hotel" vor den Toren des Disneyworld Parks in Florida über die Runden schlagen. Mittendrin die pure, kindliche Begeisterung für das Leben, dessen Träger man trotz ihrer oft unverschämten Art schnell ins Herz schließt. Fast gegensätzlich zum hyperaktiven "Tangerine", aber keinen Deut weniger stylisch, suhlt sich Baker hier in Dreck und Schönheit zugleich. Er nimmt sich Zeit, mäandert mit den Minis herum und genießt deren Entdeckungsdrang. Ohne je den Zeigefinger hochzuheben, beleuchtet er mit Leidenschaft und einem selbstbewussten und nicht lernbaren Blick fürs Wesentliche eine Gesellschaftsschicht Amerikas, die faszinierend, gefährlich, lebensfroh und zerstörerisch zugleich sein kann. So wie sich Moonees Mutter von Wochenmiete zu Wochenmiete hangelt, springt die Kleine von einem Abenteuer zum nächsten. Und der Regisseur zu einem weiteren Hit und einem meiner Lieblingsfilme des Jahres.

Sean Baker ist der Regisseur der Stunde. Und "The Florida Project" sein bisher vielleicht reifstes und bestes Werk. Ein bezauberndes Leinwandhighlight voller Unschuld und Schmutz, Verzweiflung und Liebe, Dreck und Energie. Nie hat man das Gefühl, er stellt die trashigen Leute bloß oder er geht auf Abstand zu den ranzigen Schauplätzen. Ganz im Gegenteil, er taucht sowohl in die Figuren wie in die ungewöhnlichen Schauplätze ein. Tief und kraftvoll, ohne Angst etwas falsch oder sich schmutzig zu machen. "The Florida Project" ist herzlich und frisch, wie man es in nur ganz wenigen Filmen pro Jahr sieht. Schnell erkennt man, dass man wahrscheinlich einen aktuellen, wichtigen und ganz großen kleinen Indie vor sich hat. Die Kinder spielen schlicht umwerfend, was als ein weiteres positives Zeichen für die Begabung des Regisseurs gedeutet werden kann. Willem Dafoe spielt seine bisher sympathischste Rolle und die Balance zwischen schockierendem Debakel und purem Glück war selten eleganter. Ein Tanz der Gegensätze. Keine Figur, außer vielleicht Dafoes Hausmeister, ist perfekt, manche, wie die Mutter, sogar höchst problematisch. Und dennoch wünscht man ihnen ein gutes Ende. Alles wirkt echt, nachvollziehbar und unmittelbar. Zudem hat Baker ein Talent, selbst kleinste Nebenfiguren erinnerungswürdig einzufangen. Eine menschliche Mülldeponie im Schatten der Maus, auf der man doch an jeder Ecke zauberhafte Wunder findet. Wahrscheinlich mehr als im Park selbst. Und damit meine ich nicht nur Entdeckungen wie Brooklynn Prince.

Fazit: bunt und grau, zuckersüß und frech, surreal und streetsmart, ehrlich und verspielt - Sean Baker beweist mit "The Florida Project", dass er es versteht Gegensätze zu vereinen, dass er eines des besten Augenpaare der Branche hat und dass er einen, selbst mit fragwürdigen Figuren, tief berühren kann. Grandios!

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