So, so, nach reiflicher Überlegung und doch einigen positiven Kritiken habe ich mich dazu durchgerungen, Michael Bay's Texas Chainsaw Massacre eine faire Chance zu geben. An sich bin ich ja kein großer Freund von Remakes – umso weniger wenn sie nicht mit wirklich innovativen "Modernisierungen" und Einfällen aufwarten können, sondern nur auf einer kommerziellen Welle schwimmen wollen!
Die ganze Sache beginnt dann aber wider Erwarten recht vielversprechend. Die Charaktere werden nach kurzer Einbettung des Filmes in einen pseudodokumentarisch-realen Kontext zumindest oberflächlich eingeführt, eine gewisse Grundstimmung verbreitet sich und mit Erscheinen der Anhalterin kommt sogar so etwas wie Spannung auf – obschon der Film nicht zuletzt aus seiner Remakenatur heraus von Grund auf vorhersehbar bleibt! Doch nach bereits 20 Minuten musste ich stark um weitergehendes Gefallen dieser Kreation kämpfen...
Wenn auch Licht und Kamera eine insgesamt recht ansehnliche Stimmung schaffen, so wirkt der Anspruch der Geschichte, sich im Jahr 1973 zugetragen zu haben, doch etwas zu hoch gegriffen. Ein paar teils recht gut eingesetzte Effekte machen eben noch lange keine zwingend überzeugende Atmosphäre aus. Fast schon im Gegenteil muss ich zugestehen, dass ich manche Ausleuchtung und Farbgebung arg überzogen fand (so etwa die Sonnenstrahlen im Wald oder die stets wiederkehrende gleiche Hausansicht). Und auch die mal wieder viel zu "schönen" Hauptdarsteller(innen) tragen ihren Teil dazu bei, den Realitätsanspruch der Geschichte zu schmälern.
Größter Kritikpunkt aus meiner Sicht nun war allerdings folgender: Ich sehe es ein – nicht zuletzt als alter Freund des Genres – dass Horrorfilme zu einem guten Teil auf der Dummheit der potentiellen Opfer aufbauen und mit halbwegs rationalem Fluchtverhalten einfach nicht gerechnet werden darf – wo bliebe auch sonst der Spaß! Insbesondere bei diesem Werk jedoch haben mich die Naivität, Unentschlossenheit, Kurzsichtigkeit und schlichtergreifende Blödheit der Jugendlichen zur Verzweiflung getrieben. Ohne mit Spoilern etwaig bevorstehendes Filmvergnügen zu vernichten, sei doch wenigstens erwähnt, dass ich mindestens fünf Szenen erleben musste, die sich mir auch nach reiflicher Überlegung und weitreichenden Zugeständnissen an die eben fast schon obligate Einfältigkeit der Protagonisten als kaum mehr glaubwürdig erschließen mochten. Es wird außerdem zu offensichtlich und penetrant mit den Klischees des Genres gearbeitet, ohne diese jedoch gekonnt, geschweige denn auch nur annähernd originell neu einzusetzen. Kamerafahrten, Blickwinkel und diverse Actionszenen scheinen sinnfrei und teils keinem System folgend aneinandergereiht, nur damit sie im Film einfach ihrem Selbstzweck genügend oder als schmuck inszenierter "Augenschmaus" vorkommen (Bettlaken, Werkstatt etc.). Der Film wirkt dadurch zu überladen und möchte wohl künstlerische Ansprüche anmelden, die er allerdings in keiner Weise zu erfüllen im Stande ist.
Die Charaktere der Hewitts nun sind kaum ernst zu nehmen und halten keinerlei Vergleich zu ihren Vorgängern bei Hooper stand, wobei insbesondere die feste Familienstruktur des Originals, die diesen Film entscheidend mit am Leben und Wirken halten muss, fast gänzlich fehlt. Dazu kommt als Krönung, der bereits schon mehrfach kritisierte Verfall von Leatherface zu einem gewöhnlichen geistig zurückgebliebenen und entstellten Killer, der sich kaum mehr von Genrekollegen seines Faches abzuheben vermag (und dass er zudem noch einen Namen verpasst bekommt, macht die Sache nicht besser). Warum in aller Welt will der moderne Horrorfilm bloß immer alles erklären? Hintergründe, Erläuterungen, viel zu detailverliebte Einblicke in Leatherfaces "Handwerk" – all dies zerstört den Mythos der einst brachialen und vor allem anonymen Mordmaschine. Sein Handeln wird zu vorhersehbar und spätestens wenn er seinem Opfer minutenlang hinterher rennt, muss man sich fragen, was aus dem guten alten Hau-druff-und-vorbei des Originals geworden ist. Spannung fehlt fast gänzlich, die wenigen Versuche sie aufzubauen scheitern an der Vorhersehbarkeit der Szenen, die schon viel zu altbekannt sind. Da hilft es auch wenig, dass ein, zwei ansehnliche Goreszenen vorkommen; denn wenn es darauf ankommt, bleibt der Bildschirm bedauerlicherweise enttäuschend blutleer, und das ständige Geheule der Motorsäge stumpft ab und nimmt dem Instrument den letzten Rest seines einst so eigentümlichen Flairs. Mal wieder zu viel und zu lang von allem!
Und somit bleibt dem Remake auch kaum mehr etwas, um gute Punkte zu erzielen – es wird eben immer nur am Original gemessen werden können. In manch einem anderen Horrorfilm mögen diese Kritikpunkte womöglich weitaus weniger schwer wiegen; wenn man sich allerdings an einen Klassiker wie das TCM heranwagt, so liegt die Messlatte für meinen Geschmack von Natur aus schon um einiges höher als normal. Leider gelingt es Herrn Nispel nur in einigen wenigen Szenen zumindest in Ansätzen ein gewisses ebenbürtiges Remake zu erschaffen.
Ergo: Das neue Massaker (wenn man es überhaupt als solches noch bezeichnen darf) beschränkt sich also auf einen eher enttäuschenden Versuch, einen Klassiker für das moderne Mainstream-Publikum umzumodellieren, was nicht zuletzt an seiner Vorhersehbarkeit, künstlerisch ausuferndem visuellen Überschwung und einer für meinen Geschmack zu konsequent quiekenden und jammernden Ms Biel festzumachen wäre (wobei Letzteres aber zugegeben nur meine ganz persönliche Antipathie widerspiegelt). Bleiben wir doch lieber beim Original und der Erkenntnis, dass dort, wo "Michael Bay" draufsteht, auch nur Michael Bay drin ist... (3/10)