Über Sinn und Zweck von Remakes kann man streiten. Gerade bei Horrorfilmen ist es ein sehr riskantes Unterfangen eine Neuauflage zu wagen, denn Horrorfans sind nun mal häufig emsige Filmfreaks, die sich in der Filmgeschichte auskennen und sich auch für ältere Werke interessieren. Daher war 2003 wohl auch bei einem nicht geringen Teil der jüngeren (wennauch nicht allzu jungen) Klientel der Film „Blutgericht in Texas“ noch sehr präsent (zumal im DVD – Zeitalter, wo die ungekürzten DVD – Neuauflagen von Laser Paradise heiß erwartet wurden) als das Remake desselbigen erschien.
Der Film war ein recht ansehnlicher Erfolg und auch einige Kritiker ließen sich zu durchaus wohlwollenden Worten hinreißen. Doch unter Horrorfans hier in Deutschland ist er durchaus umstritten.
Die Story wurde weitestgehend beibehalten. Sie wird sogar erneut im Jahre 1973 angesiedelt. Hier ist die deutlichste Veränderung, abgesehen von den einzelnen Handlungsabläufen, die Erweiterung der Schlachterfamilie. Besonders R. Lee Ermey als perverser Sheriff sticht hier hervor. Es fällt allerdings auf, dass die Jugendlichen von ihrer Sprache, dem Gebaren und den Klamotten her doch eher in die heutige Zeit passen, insb. Jessica Biels Charakter. Nun muss der Unterschied von damals zu heute nicht unbedingt überschätzt werden. Dennoch schleicht sich der Verdacht ein, man hätte die 73er Datierung nur gewählt um das Nicht Vorhandensein von Handys nicht erklären zu müssen.
Die Modernisierung äußert sich am auffälligsten in der optischen Gestaltung des Films. Mit einer blass-bräunlichen Farbgebung ist man bemüht, zur Erzeugung einer dreckigen Atmosphäre beizutragen. Dennoch wirkt sie sehr edel. Mit seinen Umgang mit Licht und Schatten weist Marcus Nispel doch deutliche Ähnlichkeiten zu Michael Bays (bekanntlich Co-Produzent) gekünstelten Welten auf.
Wirklich hervorragend sind die herunter gekommen wirkenden Sets, die in erster Line dem Film sein krankes Feeling verleihen. Die alte Mühle und das Haus der Schlachterfamilie erinnern noch sehr an das Original, ganz im Gegensatz zu Leatherfaces Folterkeller, der hier anstelle seiner Schlachterküche im Original zu sehen ist und eine deutlich höhere Dimension des Grauens darstellt. Erwähnenswert ist auch der sehr märchenhaft (durch Lichteffekte) wirkende Waldabschnitt, durch den sich die Figuren manchmal bewegen.
In Sachen Gewalt gibt man sich (natürlich) deutlich freizügiger als im Original von 1974. Hier fließt schon deutlich mehr Blut und die eine oder andere Gliedmaße wird eingebüßt. Dennoch gibt es durchaus auch noch Szenen, in denen man auf die Suggestivkraft der Bilder setzt. Insofern ist das TCM - Remake sehr interessant, weil es die Möglichkeit bietet, die Wirkung von explizit dargestellter und angedeuteter Gewalt direkt zu vergleichen.
Unter den Darstellern gibt sich hier keiner die Blöße. Jessica Biel ist fast schon zu hübsch für ein Final Girl (o. k. zugegeben ein Vorzug den das Remake gegenüber dem Original hat). Hervorstechen kann aber eher R. Lee Ermey, der in seiner Rolle wirklich herrlich pervers und eklig ist.
Ein Fazit aus dem ganzen zu ziehen fällt nicht leicht. Fest steht, dass das Remake in Punkto Atmosphäre dem Original deutlich unterlegen ist. Das liegt zum einen an besagter Optik, die sich glanzvoll bemüht gänzlich unglanzvoll zu sein, während das Original eigentlich mit naturalistischen Bildern sein Ziel erreichte, wobei das aufgeblasene 35 mm – Format dem ganzen einen verschwommenen, unwirklichen Touch verlieh. Damals konnte man es sich auch noch erlauben in einer halbminütigen Einstellung dem Anblick einer verwesten Leiche genüsslich „auszukosten“. In der heutigen, von schnellen Schnitten dominierten, Videoclipästhetik ist dies nicht mehr möglich.
Ein großes Manko in Sachen Atmo ist auch der Soundtrack. Spätestens seit Marco Beltramis „Scream“ – Vertonung sind ja auch im Horror – Genre orchestrale First – Class – Scores Gang und Gäbe. So auch hier, nur wirkt sich das negativ auf die Stimmung aus, die ja im Original auch wegen der seltsamen, teilw. brummenden Klängen so verstörend war.
Des weiteren verlässt sich Regisseur Nispel auch zu oft auf die Wirkung des bloßen Anblicks vom Kettensägen - schwingenden Leatherface. Erst im fortgeschrittenen Showdown scheint er begriffen zu haben, dass diese nicht ewig vorhält und setzt auf spannungsfördernde Situationen.
In diesem Zusammenhang muss auch die Darstellung von Jessica Biel erwähnt werden. Diese sieht auch im Finale noch viel zu gut aus, selbst nachdem sie schon durch den Dreck gezogen und im Folterkeller über und über mit Blut besprenkelt wurde. Wenn sie vor Leatherface wegrennt und sich zitternd versteckt sind Gesicht und Shirt nur leicht beschmutzt. Dafür wird sie aber im Fortlaufenden immer nasser und ihre Rundungen immer deutlicher.
Immerhin ist der Schluss durchaus spannend inszeniert und bietet auch für den Kenner noch einige Überraschungen.
Nun könnte man einwenden, dass einige der oben genannten Kritkpunkte eher auf eine Fortsetzung, als auf ein Remale anzuwenden wären. Tatsächlich sollte ein Remake auf Eigenständigkeit bedacht sein. Doch in dieser Hinsicht ist hier eigentlich nicht viel zu verzeichnen. Eigenständigkeit im Falle des TCM – Remakes bedeutet eigentlich nur: einige Plot – Points variiert und in eine modernisierten Filmsprache übersetzt. Zugegeben auch der Story – Hintergrund wurde ein wenig verändert bzw. verschoben, weg von der arbeitslos gewordenen Schlachterfamilie (durch das große Schlachthaus, welches auch hier eine Rolle spielt, über das man aber nichts erfährt) hin zu einem hautkranken, entstellten Leatherface, der, aufgrund der entsprechenden gesellschaftlichen Ablehnung, zum sadistischen Killer wurde. Bei dieser Neu – Interpretation stellt sich allerdings die Frage, wieso dann seine ganze Familie gleich mit pervertierte (immerhin Stoff für das Prequel).
Für alle diejenigen, die das „Texas Chainsaw Massacre“ von 1974 kennen und schätzen, ist das Remake also überflüssig wie ein Kropf. Für alle jüngeren (oder jung gebliebenen) Zuschauer ist es ein packender, mitunter auch sehr blutiger Horror – Thriller, der schon etwas Ähnlichkeit mit den etwas später mit „Saw“ so erfolgreich werdenden sog. Terrorfilmen aufweist (siehe Folterkeller). Dass Marcus Nispel ein guter Handwerker ist, kann man ihm nicht absprechen. Doch etwas Besonderes hat er hier nicht abgeliefert. Solider Durchschnitt.
6 / 10