Daß in Hollywood die Ideen ausgehen und jedes halbwegs erfolgreiche oder legendenbehaftete Stück Film der Vergangenheit deswegen dringend einer modernisierten Neubewertung unterzogen wird, weil moderne Jungs und Mädchen sich ja ungern mit der Zeit vor ihrer Pubertät beschäftigen, ist hinreichend bekannt.
Was haben wir also erwartet, als ein Remake von Tobe Hoopers "Texas Chainsaw Massacre" angekündigt wurde?
Jetzt ist es da, in unseren Kinos und wenn wir uns in der Filmgeschichte ein wenig auskennen, dann haben wir genau das erwartet, was da in den USA gerade große Kasse gemacht hat.
"Michael Bay's" steht dem Titel im Original voran und damit ist, danke schön für die Vorwarnung, eigentlich alles zum Thema Erwartungen gesagt. Bay, seines Zeichens Produzent und Regisseur mächtig einspielreicher Filme, ist der Garant für "moderne" Unterhaltung: schick aufgemacht, mit Drive, sozusagen hochglanzverpackt, aber mit Inhalten und Plots, die dem intellektuellen Wert einer leeren Tüte Haribo Colorado gleichkommt.
Bay ist ein erzählerischer Leichenfledderer, der alles und jeden dem äußeren Effekt hin unterwirft, zur Not auch mal die Geschichte der Welt, wie z.B. "Pearl Harbor" deutlich zeigt.
Aber, noch ist ja nichts verloren, zum Glück ist der Regiestuhl diesmal in fremder Hand, in der eines Deutschen. Markus Nispel, der es vor vier Jahren schaffte, daß ihm die Regie von "End of Days" wieder weggenommen wurde, hat endlich sein Hollywooddebut fertig und der Erfolg mag ihm für weitere Arbeiten den Weg ebnen.
Doch was für einen Film hat er da eigentlich gemacht?
"TCM 2003" präsentiert sich als Variante des Originals, nicht als Fortsetzung, sondern als Nacherzählung mit einem guten Anteil an Modernisierungen. Die Grundkonstellation blieb davon unberührt, noch immer kommen fünf junge Leute ungewollt in den Wirkungskreis einer restlos degenerierten Familie, deren farbigstes Mitglied, ein mit Menschenhaut maskierter Dauergrunzer namens "Leatherface" die Ehre hat, den Großteil von ihnen brutalstmöglichst abzuschlachten. Angesiedelt in einer heißen texanischen Ödnis ist sogar das Jahr 1973 das gleiche geblieben (im Original spricht sogar wieder John Larroquette den Eingangsmonolog wie weilend vor 30 Jahren), doch kleine, feine Sachen haben sich verändert.
Zum einen wurde die Exposition deutlich verkürzt, denn während Hooper die morbide Stimmung erst einmal gut den halben Film einwirken ließ und auf ungute Vorzeichen setzte, klotzt Nispels Produktion, wo es geht. Das fängt schon bei der einleitenden, aufgenommenen Anhalterin an, die diesmal nicht ein Mitglied der "Familie" ist, sondern ein überlebendes Opfer, welches sich baldigst das Oberstübchen mit einer gut versteckten Waffe ventiliert. Mal abgesehen davon, daß wir nicht wissen, wo sie die versteckt hatte, bietet die Kamerafahrt durch den durchlöcherten Kopf aus dem Rückfenster heraus (wir folgen also dem Weg der Kugel) natürlich einen schicken Eyecatcher, der die Zeichen auf technische Höchstleistungen setzt.
Um so überraschender, als daß es fortan doch eher grundsolide vorangeht, mit der nötigen und herben Brutalität, die viehischen Schlächtern nun mal so eigen ist. Hier hat der Film mehr zu bieten als das zwar gewalttätige, aber blutarme Original, denn an Gore gibt es ausreichend, wenn auch nicht reichlich. Allerdings beschleicht den Gorehound das Gefühl, daß hier mehr getan wurde, es vor der Kinoauswertung aber entschärft wurde.
Für die letzte Überlebende beginnt auch hier eine gnadenlose Hetzjagd ums Überleben, stets auf der Flucht vor der Kettensäge, schnell, stylish und effektvoll in Szene gesetzt. Man kann Nispel nicht vorwerfen, er hätte keinen Druck gemacht.
Daß das fertige Produkt dennoch an Mängelerscheinungen leidet, kann auch die beste Produktion nicht verbergen. In Bezug auf die Darsteller ist man bemüht, keine allzu platten Klischeecharaktere zu entwerfen, doch der Fokus richtet sich dann doch auf bibbernde Opferhaltung aus, wogegen auch ein Muskelprotz nichts entgegenzusetzen hat. Die knackigen Kerls sind zuerst außer Gefecht, es bleiben dann doch nur Abziehbilder wie Maulheld und Kreische, wobei uns Jessica Biel als höchstwahrscheinliche Überlebende natürlich sofort anspringt.
Dazu kommt, daß Nispel und das Team der Autoren ihre filmhistorischen Vorbilder genau studiert haben - sie wissen sozusagen, was sie filmen. Es gibt also kein plattes Zitieren bekannter Vorbilder, doch die Mechanismen der Angst sind bekannt. So wird das alte Schema von dem verfolgten Opfer, daß sich, wider jeglicher Vernunft, in immer kleinere Räume zurückzieht, um ihrem Verfolger zu entkommen, so genau durchgespielt, als ginge es um einen Lehrfilm. Das Finale in einer Fleischfabrik mutet dann auch an wie die Rekapitulation der Abläufe, die schon John Carpenter mit Jamie Lee Curtis im ersten Halloweenfilm durchexerzierte. Vom offenen Haus ins obere Stockwerk, dann in ein einzelnes Zimmer, schließlich in den Kleiderschrank dort - von größeren Hallen in einen fleischvollbehangenen Kühlraum samt Sprinkleranlage bis in einen Spindschrank hier.
Die Gegenwehr des Opfers ist genauso kühl kalkuliert, wie die Wirkung der Demütigungen und Verstümmelungen bis ins kleinste Detail durchgespielt wird.
Man kann den Machern also Ahnung bescheinigen, aber der Mangel an Überraschungen und Finesse ist fühlbar.
Es gibt schlicht und ergreifend keine echte Innovation, stattdessen wird eine Sequenz mit dem ekligen Sheriff, in deren Verlauf eines der Opfer den Tod der Anhalterin nachsimulieren muß, zu einer Geduldsprobe erster Garnitur, da der Ablauf in allen Einzelheiten sofort bekannt ist. Die Situation ist beklemmend, sicher, aber sie bannt weniger, als daß man das Ende schneller herbeisehnt, weil man etwas Neues sehen will. Nur in wenigen Einstellung hat man das Gefühl, wahres Können zu betrachten, etwa bei dem alleinstehenden Haus im nächtlichen Gegenlicht oder dem wahrhaft besten Moment des ganzen Films, als die allein zurückbleibende "Heldin" im Scheinwerferlicht des eigenen Wagens erkennen muß, daß der gerade ihre Freundin tranchierende Killer das Gesicht ihres verschollenen Freundes über sein eigenes gezogen hat. Hier tastet sich der Film für eine Sekunde in unbekanntes Gebiet, um sich dann aber wieder sofort in sichere und altbewährte Bereiche zurückzuziehen.
Das hat der Film aber nicht wirklich zu bieten, trotz aller Klotzerei. Schauwerte gibt es reichlich und nicht zu knapp, die gesamte Örtlichkeit ist nicht nur morbide und bizarr, sondern erschlägt den Zuschauer regelrecht mit verkommener halb zerfallener Ekelhaftigkeit. Leider wirkt die Komposition, als hätte man das visuelle Flair von "Sieben" mit dem unheimlichen Keller aus "Das Schweigen der Lämmer" gekreuzt und um das Zehnfache übertroffen. Das ist Plakativität auf höchstem Niveau.
Auf der Angstseite setzt der Film aber banalerweise nur auf grelle Schocks. Der erste Mord wird noch genau wie im Original nachgestellt, aber dann muß man ständig erwarten, daß der Irre mit der Kettensäge gleich wieder aus dem Hintergrund ins Bild springen wird, ein Bild, daß sich mit fortlaufender Filmlänge langsam aber sicher abnutzt und nur durch den Überraschungseffekt der Angriffe noch wirkt.
Inhaltlich sind leider die größten Abstriche zu machen (Stefan Höltgens, die Modernisierung anerkennendes Review in der "Splatting Image" liegt da meiner Ansicht nach komplett daneben), denn wo Hooper die Degenerierung noch mit der Arbeitslosigkeit, wirtschaftlichen Krise und Haltlosigkeit der Killersippe in Verbindung brachte, deren Schlachtbetrieb geschlossen wurde, fällt eine tiefere Begründung des Tuns aller Beteiligten hier flach.
Zentraler Punkt ist eine befehlende Großmutter, die um sich fast ein halbes Dutzend weitere Familienmitglieder scharrt, von einer dicken Dame, über ein weggetretenes mütterliches Geschöpf, einem kleinen Jungen, dem Sheriff und Leatherface selbst. Doch die Funktionalität der Familie hat keine wirklich haltbare Grundlage, denn Leatherfaces Morden wird einzig und allein damit begründet, daß er wegen einer frühkindlichen Hautkrankheit stets den Hänseleien anderer Kinder und Jugendlicher ausgesetzt war.
Das ist natürlich die definitve Angstvision für ein teenagerorientiertes Hollywood: der vollkommende durchgedrehte Pop-Art-Killer, dessen blutspritzendes Trauma auf einem Fall von epidermiszersetzender Akne beruht. Als ihm also eines Tages die Nase abfiel, da ging er on the rampage und die komplette Familie machte gleich mit.
Das ist ebenso simplifiziert wie lächerlich, denn das moderne Slasherkino braucht halt keine gesellschaftlich bedingten Motivationen, sondern nur ein paar gruselige Figuren, die möglichst grauenhaft und bestialisch zu Werke gehen.
Und es braucht einen zünftigen Gegenschlag (der Killer verliert seinen Arm), ein gewisses Maß an Rachsucht (der Tod des Sheriffs) und die übliche Möglichkeit einer Fortsetzung (der einrahmende Polizeifilm), die es in der dargebotenen Form gar nicht gebraucht hätte, da sie zum Standardinterieur des Horrorfilms seit 1978 gehört.
Das fertige Produkt...nun, es funktioniert. Es funktioniert, ist aber weder Kunst noch Kult noch Meilenstein.
Es ist ein solider Horrorfilm, bemüht und überhäuft wirkend, der die richtigen Strippen zieht, um seinem Publikum den größtmöglichen Schrecken (oder Ekel) zu verschaffen.
Die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Stoff oder seinen Möglichkeiten wurde außen vor gelassen.
Und wenn ich Teenager wäre und bereits einen Hauch von Anspruch, dann hätte meine Begeisterung Grenzen. (5/10)