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Allein der Verleihtitel ist schon ein Hohn: "Michael Bay's Texas Chainsaw Massacre". Da fusionieren zwei Filmdekaden, die so widersprüchlich zueinander stehen, wie Tom zu Jerry, dass man das Schlimmste erwarten dürfte. War der '74er "Texas Chainsaw Massacre" von Tobe Hooper das Terrorkino-Referenzwerk schlechthin, und aufgrund seiner wilden, Kopfschmerz bereitenden Schnittweise schnell als Kunst erkennbar, so ist Michael Bay ein Garant für flache Hochglanzaction aus den Neunziger Jahren. In Bays Vorstrafenregister finden sich mehrere Attacken gegen den guten Geschmack: "Pearl Harbor", "Bad Boys II", um nur zwei zu nennen.

Doch so schlimm kommt es nicht, denn Mister Bay hat gnädigerweise den Regiestuhl geräumt, und nistete sich als Produzent in dem Projekt ein. Die Regie bekam Marcus Nispel übertragen, der zuvor besonders wegen seiner Musikvideos, als exemplarisch düsteres Beispiel sei Bushs "Greedy Fly" hier erwähnt, für Aufsehen sorgte, aber nie ein Engagement beim großen Hollywoodfilm bekam, oder dauerhaft ausführen konnte. Nispel hat glücklicherweise viel des dreckigen Sicko-Flairs aus dem Original herüberretten können, und so ist das neue "Texas Chainsaw Massacre" nicht wie befürchtet ein glattes "Blutgericht"-Update mit der Ästhetik eines Calvin-Klein-Werbespots, sondern wirklich ein kleiner, fieser, aggressiver Horrorfilm geworden.

Die Urstory ist beim Kettensägenmassaker des neuen Jahrtausends leicht variiert worden: Die Anhalterin, die die bekifften Lynyrd-Skynyrd-Fans aufgabeln, ist diesmal kein Blutsbruder des Ober-Maniacs "Leatherface", sondern ein "Kettensägenmassaker"-Survivor. Als sie bemerkt, dass ihre Mitfahrgelegenheit direkt wieder zurück zu dem Ort des Terrors steuert, zaubert sie einen Revolver aus einem Versteck irgendwo zwischen ihren Schenkeln hervor, und schießt sich ohne zu zögern eine Kugel durch ihren Kopf. Die Kiddies versuchen verstört einen Sheriff in dem Kaff aufzutreiben. Doch die ältere Barfrau in der einzigen Kaschemme weit und breit schickt die beiden nicht zu einem Rendezvous mit den erhofften Freund und Helfer - Nein, an der alten Crawford Mühle erwartet sie das pure Grauen.

War die Familie aus dem Original schon ein gruseliges Sammelsurium, perfekte Kreuzungen aus texanischen Hinterwäldlern und entrückter Kannibalenmentalität, so wurde das männliche Quartett für das Remake um einige Frauen und ein Kind erweitert. Die labile, verwirrte Killerpsyche ist übernommen worden. Doch mehr als im Original steht hier "Leatherface" im Vordergrund. Im Original war Leatherface ein gleichberechtigter Killer, der dem Befehl des älteren Bruder unterstand. Es war bedrückend und erschreckend anzusehen, wie normal und selbstverständlich der bullige Menschenzerhächsler mit Menschenfleischmaske im Original von seinen Familienmitgliedern betrachtet wurde. Beim Remake wird er jedoch auch von seinen Angehörigen als Freak gedeutet.

Schlimmer noch: Im 2003er "Texas Chainsaw Massacre" bekommt Leatherface eine Geschichte. So wird aus Leatherface eine Person namens Thomas Hewitt. Tommy hatte 'ne schwere Kindheit, und wurde wegen seines "akne vulgaris"-Overkills in der Gesichtsgegend gehänselt. Daraus zieht der bullige Riese seine Konsequenzen, und zieht nun Nacht für Nacht mit seiner Kettensäge bewaffnet aus, auf der Suche nach Menschenfleisch, das er danach unter die Nähmaschine legen kann, um sich ein neues Gesichtsoutfit verpassen zu lassen. Leatherfaces kosmetische Verfahren werden in einer der dümmsten Szenen des Films erklärt: Kurz bevor er sich den schmucken Eric Balfour als Karnevalsmaske zusammenschneidert, zieht er sich seine Standardmaske vom Gesicht und offenbart sein wahres Gesicht. Auch wenn seine nasenlose Fratze grauenhaft und ekelig daherkommt, so wird sie nicht der noch abgründigeren Imagination des Zuschauers gerecht, der beim Original nur erahnen konnte, was für ein Wesen sich hinter der Maske verstecken würde. Leatherface bekommt hier einen Lebenslauf und ein Passfoto geschenkt. Mehr kann man einen Serienkillermythos kaum mehr entmystifizieren.

Auch das Ende bleibt auf der Strecke, und ist nicht annähernd so intensiv wie das Finale in Tobe Hoopers Film. Ist Marilyn Burns im Original die einzige, verstörte, Überlebende gleichzeitig ein Fall für den Psychiater auf Lebenszeit, so steckt in dem Remake ein Hoffnungsschimmer auf normales Leben nach dem Texas Chainsaw Massacre. Hauptdarstellerin Jessica Biel rettet vor ihrer Flucht erst noch ein entführtes Baby aus den Klauen der Massakerfamilie und nimmt noch Rache am sadistischen Sheriff. Das Gesicht des unschuldigen Babies am Ende ist ein Hinweis darauf, dass wenigstens diese kleine Kreatur eines Tages ein Leben ohne Erinnerungen an das Blutbad des Films haben wird. Und somit nimmt der Film seinem Ende jegliche zerstörerische und ehrliche Kraft, jene ausweglose, brutale, wahnsinnige Verzweiflung wie beim Erstling, verspürt man hier nicht.

Abgesehen davon ist "Texas Chainsaw Massacre" durchaus unterhaltend. Der Film ist fies und durchaus spannend. Weitaus graphischer und blutiger als das Original, und leider auch viel weniger künstlerisch und innovativ. Wird dem Original durch das Ausstellen einer Filmkopie im New Yorker Musem für Moderne Kunst das Attribut "Kunst" faktisch bestätigt, so ist diese Version des Films nur ein weiterer Blockbuster-Eintrag in Amerikas eher unbedeutenden Filmhistorie. Während man "Blutgericht in Texas" gesehen haben muss, ist "Michael Bay's Texas Chainsaw Massacre" nur ein Popcorn-Zeitvertreib. Eher ein Dating-Movie als alles andere.

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