Trotz anfänglicher Skepsis mag die Variante des "Texas Chainsaw Massacre" aus dem Jahre 2003 durchaus gefallen. Ohne den Vergleich mit dem Original zu ziehen, ist er sogar richtig gut. Aber wer sich nun einmal an so einen Klassiker des Terrorkinos wagt, der darf eben diesen Vergleich nicht scheuen.
Zunächst muss man Regisseur Marcus Nispel ein Kompliment zugestehen. Er hat kein gebohnertes Hochglanz-Remake erschaffen, wie man es befürchten musste, wenn Michael Bay produziert. Nispel ist merklich respektvoll an das Projekt herangegangen und versuchte, eine originalgetreue Atmosphäre zu kreieren. Per Farbfilter kommen die Farbkompositionen dem Original so sehr nahe. Hinzu kommt das zufrieden stellende Filmen der ekelerregenden Lokalitäten. Tobe Hooper reizte dies seinerzeit noch stärker aus und kombinierte es geschickt mit einer bizarren Geräuschkulisse. Dennoch entwirft Marcus Nispel ein düsteres, fieses Bild eines Kaffs, das von einer Hillbilly-Sippschaft bewohnt wird.
Was hier letztendlich nicht erreicht wird und die große Stärke des Originals ist, ist die atmosphärisch extreme Morbidität - die perfide, psychologische Grausamkeit, die im Original beim Dinieren der degenerierten Familie kulminiert. Nispel ermöglicht es zwar, dass sich die Spannung konstant auf einem annehmbaren Niveau einnistet, erreicht damit aber nie die Intensität des '74er Filmes. Mit dem Element tief verwurzelte Horrorjünger werden daher kaum zusammenzucken. Bei Genre-Nichterfahrenen wird das Remake seine Wirkung allerdings nicht verfehlen.
Inhaltlich variierte man das Remake geringfügig. Der Fahrplan ist der gleiche geblieben, nur diesmal mit etwas anderen Stationen ausgefüllt. Auffällig ist die kurze Exposition; dadurch geht es hier relativ schnell in die Vollen. Konträr dazu wird der Showdown aber mächtig gestreckt. Im Großen und Ganzen finden sich dennoch keine signifikanten Innovationen, sodass die Existenz des Remakes durchaus hinterfragt werden darf. Besonders offensichtlich wird dies an vielen kleinen Vorhersehbarkeiten; die Schlusspointe reiht sich da nahtlos ein. Das Original war einfach unberechenbarer, verschonte nicht einmal einen körperlich Behinderten. Wer dagegen hier überlebt, ist sofort klar, nachdem dem Zuschauer der Brustumfang der Protagonistinnen vorgestellt wurde. Nun gut, immerhin erledigt Jessica Biel ihre Aufgabe mit überraschender schauspielerischer Hingabe.
Mit Gewissheit lässt sich sagen, dass die Ehre des Originals hiermit nicht verletzt wurde - und dies ist schon mal lobenswert. Dennoch bleibt wohl nur der Kommerzgedanke als entscheidende Ursache, warum es überhaupt zur Neuverwertung des Stoffes kommen musste. Denn "Michael Bay's Texas Chainsaw Massacre" bietet nicht die umwerfenden neuen Ideen, die eine Neuverfilmung gerechtfertigt hätten, sondern spult das Grauen nach gleichem Muster nur weniger intensiv noch einmal ab - somit ordentlich, aber eigentlich überflüssig. (6+/10)