Review
von Leimbacher-Mario
American Ugly
Ang Lee nimmt mit diesem eisstürmigen Familiendrama, einem understateteten und doch messerscharfen Gesellschaftsporträt, die amerikanische Kleinstadt der 70er gehörig auseinander. In sich ruhend und doch bis an den Rand wütend. Tragisch, trocken witzig, bitter und echt. Von Ricci bis Wood, von Kline bis Weaver geben sich hier einige Hochkaräter die unter Strom stehende Klinke in die Hand, fügen sich in ein größeres Ganzes ein, das nachwirkt und einen mitnimmt, das kein Spektakel braucht um im Gedächtnis zu bleiben. Im Grunde wird „nur“ von einer Familie und deren Nachbarn und Freunden während eines unerbittlichen Schneesturms erzählt - zwischen verkappten Swingerparties und der zurecht verirrten nächsten Generation…
„The Ice Storm“ erinnert oft etwas an eine bodenständige, erwachsene und (auf den ersten Blick) eher humorlose Mischung aus „American Beauty“ und „Royal Tenenbaums“. Ang Lee beweist ein hervorragendes Auge für Details und die Gesellschaft, für absurde Charaktere, die aber nie zu comichaft oder übertrieben wirken. Fühlbar und nahbar, nachvollziehbar und traurig, generationenübergreifend und immer noch akut. Der All Star Cast hält was er verspricht. Es ist toll vor allem heutige oder spätere Stars hier nochmal in sehr jung zu sehen. Der Score ist gefühlvoll und leise und effektiv - wie all das Gezeigte und Porträtierte. Die Kälte ist spürbar, das Eis lässt einen bibbern, der Schnee einen frieren. Aber nie dermaßen wie die Gesellschaft, wie die Eltern, wie die Vorbilder, wie die Epoche und wie die allgemein vorherrschende Verlorenheit. Kein Meisterwerk, aber nah dran. Kein Klassiker, aber ein Qualitätsfilm.
Fazit: ein deluxe Ensemble und eine gekonnte Sezierung der amerikanischen (gehobenen) Mittelschicht. Effizient, eiskalt, emotional, ergiebig und ehrlich - bibberstark!