Das doppelte Flottchen
François Ozon ist eine der interessanteren Regiestimmen aus unserem Nachbarland Frankreich. Er ist intelligent, außergewöhnlich genau und beeindruckend vielseitig. "Frantz" war letztes Jahr einer der intensivsten Kinogänge. Nun ist er spürbar spielerischer zurück, mit einer sexy Fingerübung zwischen "Dead Ringers", "Elle" und "The Neon Demon". Ein außergewöhnliches Porträt einer Frau zwischen zwei sehr unterschiedlichen Männern, die ihre eigene Sexualität und Erotik ganz neu entdeckt. Künstlerisch elegant, immer aufregend und oft anregend. Ein Spiel mit Reizen und Spiegeln, Zwillingen und Sehnsüchten, Verbotenem und Wünschen, Schock und Sex, Intimität und Voyeurismus. Verborgenem und Offensichtlichem. Das Gegenteil von "Frantz" in vielerlei Hinsicht. Leichter. Verspielter. Lockerer. Offenkundiger. Immer mit einem Augenzwinkern über die sexuell aufgeladenen Vorurteile, die der Rest der Welt und besonders wir deutschen gegenüber den Franzosen haben. Spielerische Sinnlichkeit. Oft etwas Porno. Aber immer Kunst.
"Der andere Liebhaber" schwankt zwischen Bahnhofskino und Arthouse, Sexklamotte und Psychothriller, Bodyhorror und Familiendrama, Paranoiaschocker und Gänsehaut-Chiller. Ich liebe Ozon in dieser Verfassung. Ich liebe ihn immer, aber das ist nochmal eine Stufe provokativer und gieriger. Er wirkt hungrig und malt mit leichter Hand. Egal ob eine Vagina aus der Sicht der Frauenärztin, eine gruselige Nachbarin oder die vielschichtig gezeichneten Figuren - nie hat man das Gefühl, er habe die Kontrolle verloren. "L'Ament Double" ist nervenaufreibendes Spannungskino, zu dem am besten ein trockener Rotwein passt. Die Darsteller sind mutig und wortwörtlich vielseitig, die Sexszenen intensiv wie lange nicht und der elektronisch-pumpende Soundtrack ist ein wahrer Hinhörer. Warum dieser Genremix seit letztem Frühsommer in Cannes keine höheren Wellen geschlagen hat, ist mir ein Rätsel. Die Plakate würden auf eine Arthouse-Romanze schließen lassen, doch im Endeffekt ist das neueste Ozon-Kunstwerk in vielerlei Hinsicht hardcore genug um selbst taffere Genrefans zu überzeugen. Restlos. Das ist keine Übertreibung, das ist ein brandheißer Tipp.
Fazit: sinnlich, stilvoll, reflexiv - "Der andere Liebhaber" ist Kino in Reinkultur. Etwas voyeuristisch, etwas verrucht, nie berechenbar, nie nur plakativer Schock. Es lauert immer noch etwas unter der Oberfläche, hinter der nächsten Ecke. Erfindet weder den Erotikthriller noch den Regisseur neu, unterhält jedoch vorzüglich. Von De Palma über Cronenberg bis Almodovar sind alle glücklich. Selbst wenn das Geschehen - egal ob Horror, Sex oder Drama - immer etwas over-the-top wirken kann. Ich war im Sessel fixiert!