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In einer Kleinstadt irgendwo in Alaska sitzen drei Männer nach der Sperrstunde in einer Bar und wollen gerade eine Partie Texas hold ´em beginnen, als ein Fremder hereinkommt und noch bestellen will. Der freundlichen aber bestimmten Aufforderung, das Lokal zu verlassen kommt dieser Elwood (Christopher Abbott) nur widerwillig nach, um eine Minute später mit einem Colt aufzutauchen und die drei Männer wortlos niederzuschiessen. Morde dieser Art sind äußerst ungewöhnlich für die beschauliche Kleinstadt, und so ist schnell von einem Massaker die Rede, das die örtliche Polizei lieber alleine aufklären will, anstatt auf die Bundesbehörden zurückzugreifen. Der Killer hat sich unterdessen unerkannt in einem örtlichen Motel eingemietet, welches von Sam Rossi (Jon Bernthal), einem ehemaligen bekannten Rodeo-Reiter gemanagt wird, der mit dem geerbten Betrieb, dem er aus nostalgischen Gründen den titelgebenden Namen Sweet Virginia verpasst hat, mittlerweile eine ruhige Kugel schiebt. Es stellt sich (für den Zuschauer) bald heraus, daß die Witwe eines der drei Ermordeten den Schützen beauftragt hatte (wenngleich dieser nur ihren Ehemann erledigen sollte und nicht alle drei Anwesenden), welcher nun im Motel auf seine vereinbarten 50.000 $ wartet. Sam seinerseits, der eine Affäre mit Bernadette, einer der anderen Witwen, hat, weiß natürlich nichts von der Tätigkeit seines neuen Motel-Gasts. Doch Elwood, ein unberechenbarer, jähzorniger junger Mann, wird immer nervöser, je länger er auf das Geld warten muss...

Mit seiner tristen Kleinstadt-Milieustudie, in der nur vom Leben gezeichnete Charaktäre auftreten, hat Regisseur Jamie M. Dagg einen typischen Neo-Noir gedreht, dessen minimalistischer Plot weitgehend von der Figurenzeichnung seiner Hauptdarsteller lebt - denn abgesehen von obiger Eingangsszene passiert im ganzen Film nicht mehr allzuviel und schon gar nichts Unvorhergesehenes. Das muß nicht unbedingt gegen den Film sprechen, doch findet sich kein einziger Filmcharakter, mit dem es sich mitzufiebern lohnt.

So entpuppt sich der ehemalige Rodeo-Star (Bernthal) als vollbärtiger Softie mit Wuschelkopf, der es nicht einmal schafft, einen renitenten Gast um Ruhe zu bitten, als sich andere Motel-Gäste beschweren. Wie er zu einer Liaison mit der im völligen Gegensatz zu ihm entschlossenen Witwe Bernadette (Rosemarie DeWitt) kommt, wird ebensowenig beleuchtet wie sein einstiger Entschluß, sich in der Einsamkeit Alaskas niederzulassen - immerhin erfährt man noch, daß er von seinem früheren Beruf zittrige Hände hat (was er mit Tabletten bekämpft) und sich väterlich um ein junges Mädchen bemüht, die in seinem Motel jobbt.
Interessanter wäre da die junge Witwe Lila (Imogen Poots), ein völliges Landei, das nach drei Jahren Ehe ihren Gatten Mitch ermorden läßt, als handle es sich darum, den Gartenzaun streichen zu lassen. Woher sie diese ihrem Wesen so gar nicht entsprechende erhebliche kriminelle Energie bezieht, bleibt leider genauso im Dunkeln wie die Vorgeschichte ihrer Ehe, von der sie nur einmal beiläufig erwähnt, ihr Mitch kenne sich "mit Geld gut aus", sei aber ansonsten ein "Drecksack" und hätte sie permanent beschissen. Schließlich noch der Killer selbst, ein klischeehaft aggressiver Typ, der als wandelnde Zeitbombe seine Minderwertigkeitskomplexe kaum verbergen kann und von der ersten Sekunde an höchst unsympathisch auftritt.

Obwohl diese vier Hauptcharaktäre des Films jeder für sich gut besetzt sind, ist es doch dem unspektakulären, spannungsfreien Drehbuch zuzuschreiben, daß der Funke so gar nicht überspringt. Auch die Einsamkeit Alaskas wird bildlich kaum genutzt, der Film könnte genausogut in irgendeiner ländlichen Gegend in Kanada oder den (südlicheren) Vereinigten Staaten spielen. So mäandert die Geschichte dann humor- und sarkasmusbefreit vor sich hin, bevor sie mit einem erwartbaren, fast anti-klimatischen Finale ausklingt. Eine Aussage sucht man in Sweet Virginia vergeblich, aber vielleicht wollte das der Regisseur ja auch gar nicht... 4 Punkte.

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