»Hate is a stronger Motivator than Love.«
Er ist ein Dandy. Ein Muskelprotz. Auf seinen Rücken hat er den Kopf Richard Nixons tätowiert. Er bezeichnet sich selbst als »dirty trickster« – nicht ohne Stolz. Strippenzieher, Verschwörungstheoretiker, Provokateur: Das ist Roger Stone. 1952 geboren, war Stone schon früh als politischer Stratege tätig. Er unterstützte Nixon, Ronald Reagan und Donald Trump im Wahlkampf. Bereits in den 80er-Jahren spielte Stone mit dem Gedanken, Trump zum Präsidenten zu machen. Nun ist Stones irre Idee Wirklichkeit: Grund genug, sich mit dieser schillernden Persönlichkeit näher zu befassen.
Das tut die Netflix-Doku Get Me Roger Stone (2017) von Dylan Bank, Daniel DiMauro und Morgan Pehme. Die Filmemacher begleiteten Stone seit 2011; damals konnten sie nicht ahnen, welche Dramatik und Aktualität ihre Geschichte erlangen würde; sie fand ihren Höhepunkt in der Wahl Donald Trumps zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten, also im Triumph von Roger Stones zynischen Strategien.
Der Film lebt von seiner Hauptfigur. Das Publikum kann Roger Stone hautnah erleben, wie er seine pointierten und dümmlichen Regeln vorbetet, wie er über die »liberalen homosexuellen Regisseure« witzelt und wie er sich selbst als geniales Mastermind präsentiert. Beim Schauen ertappt man sich plötzlich beim Gedanken: »Dieser Stone ist eine wahnsinnig faszinierende Figur.« Er kommt daher wie ein Oberschurke in einem Cartoon, fast wie die Karikatur eines Bösewichtes. Dabei ist Stone ein abgeklärter Schurke, der Joker & Co. locker in die Tonne tritt. Ihm geht es nur um die Kohle, nur um die Aufmerksamkeit, nur um den Erfolg. Dabei geht er über Leichen – und macht keinen Hehl daraus.
Die Regisseure lassen Stone über weite Strecken palavern, daneben kommentieren diverse Stimmen aus Politik und Journalismus seine Rolle in der US-amerikanischen Politgeschichte. Selbst Trump meldet sich mehrfach zu Wort, sagt aber immer nur dasselbe: Roger ist ein »Tough Guy« (so wie Trump selbst, angeblich). Die Kernaussage des Filmes ist bedrückend. Unter dem Schatten Stones verwandelt sich die Wahl Trumps – scheinbar grotesk, lächerlich – zur logischen Weiterführung der Präsidenten Nixon und Reagan, bis hin zu deren Wahlslogans. Trump ist der Präsident, den sich Stone immer erträumte: gegen das Establishment, polemisch, medienwirksam. Ein amerikanischer Albtraum.
Die Aussagen Stones sprechen allzu oft für sich selbst. Wer genau hinhört, der vernimmt den Sarkasmus seiner Dementi, den Hohn in seinem Blick. Stone ist geradezu der Andy Warhol der Politik; er nutzt die Popkultur aus, um zur Avantgarde zu gehören. Das wäre bewundernswert, wäre es nicht so abstossend. Spätestens wenn Stone zusammen mit Verschwörungstheoretiker Alex Jones gewaltsame Lügenmärchen herausschreit, erkennt man das Böse unter seiner bunten Garderobe. Dass eine seiner Regeln »Hate is a stronger motivator than love« lautet, spricht für sich.
Nur allzu offensichtlich ist Trump eine Verkörperung von Roger Stones Philosophie. Nur schon deswegen dürfte Get Me Roger Stone für Gesprächsstoff sorgen. Das Weltgeschehen macht den Film relevant und fesselnd, wenn auch die Präsentation unoriginell daher kommt. Die Achillesferse der Doku ist gleichsam ihre Stärke: Sie macht sich vollkommen von Roger Stone abhängig, ist seiner Persönlichkeit beinahe ausgeliefert. Zwar ist der Film keineswegs ein Kniefall vor Stones unmenschlichen Prinzipien; dennoch hätte man die ein oder andere Aussage noch kritischer hinterfragen können.
Der konservative Journalist Tucker Carlson stellt im Film die Gretchenfrage: »Was ist beeindruckender: Das Weltgeschehen zu beeinflussen? Oder am Rande des Weltgeschehens zu stehen und als der zu gelten, der es beeinflusste?« Roger Stone stellt sich gerne als der zwielichtiger Puppenspieler dar, aber ist er immer so einflussreich, wie er behauptet? Das macht der Film nicht immer hinlänglich klar. In diesem Sinne hat Stone die Regisseure tatsächlich in der Hand. Sie geben ihm, was ihn nährt: Publicity. Sie verklären ihn, wenn auch negativ. Was genau das ist, was er will.
Auf der anderen Seite ist es wohl unmöglich, Stone so nahe zu kommen, ohne in seinen Sog zu geraten. Immerhin lässt Get Me Roger Stone dem Publikum genug Raum für eigene Gedankengänge. Und er gibt uns ein Puzzleteil, das uns hilft zu verstehen, wie es so weit kommen konnte.
7/10