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Mit seinem mehrere hundert Seiten starken Wälzer „Es“ legte Stephen King den Roman vor, der vielen Lesern als sein Opus Magnum gilt. Doch im Gegensatz zu Werken wie „Carrie“, „Shining“ oder „Friedhof der Kuscheltiere“ erhielt dieser bisher noch keine Kinoumsetzung, lediglich einen TV-Zweiteiler aus den frühen 1990ern – vielleicht auch der enormen Länge des Buches wegen.
Der Kinoanlauf war von daher auch ein Wagnis. Eines, das sich gelohnt hat. Denn die Kinoversion teilt das Geschehen des Buches auf zwei Filme auf, von denen der erste die Kindheit der Hauptfiguren behandelt. Erst durch dessen Erfolg wurde sichergestellt, dass es auch einen zweiten geben würde. Erfreulicherweise haben Regisseur Andrés Muschietti das Ganze aber so verfilmt, dass „Es“ – oder nun eher: „Es: Kapitel 1“ – auch allein stehen könnte. Dadurch fällt die zwischen Gegenwart und Vergangenheit alternierende Struktur des Buches weg, was erzählerisch etwas simpler ist, andrerseits Kings arg bevormundendes Vorwegnehmen fast jeder folgenden Handlung aus der Geschichte verschwinden lässt. Gleichzeitig wurde eine Modernisierung vorgenommen: Anstelle der 1950er spielt die Kinderstory nun in den 1980ern – jener Epoche, in der das Buch erschien, in der dessen Gegenwartshandlung spielte und mit der (und deren Popkultur) viele Kingleser verbunden sind.
Auch hier geht es um den Club der Verlierer, von denen jeder sein Säckel zu tragen hat und die alle unter den Bullys an der Schule, die von dem fiesen Henry Bowers (Nicholas Hamilton) angeführt werden, leiden. Bei den sieben Club-Mitgliedern, die sich teilweise erst im Verlauf des Films kennenlernen, handelt es sich um den Stotterer Bill Denbrough (Jaeden Lieberher), den dicken Ben Hanscom (Jeremy Ray Taylor), den großmäuligen Brillenträger Richie Tozier (Finn Wolfhard), den schwarzen Waisen Mike Hanlon (Chosen Jacobs), den Juden Stan Uris (Wyatt Oleff), den schmächtigen Hypochonder Eddie Kaspbrak (Jack Dylan Grazer) und Beverly Marsh (Sophia Lillis), ein Mädchen aus ärmeren Verhältnissen, die mit ihrem gewalttätigen Vater zusammenlebt und an der Schule einen schlechten Ruf hat. Das gemeinsame Leiden, vor allem unter Henry Bowers und seinen Freunden, führt die Kinder nach und nach zusammen, ebenso wie eine Reihe seltsamer wie bedrohlicher Ereignisse, denen sie jedoch knapp entkommen.

Weniger Glück hatte Bills Bruder Georgie (Jackson Robert Scott), der in der beklemmenden wie gruseligen Auftaktszene dem Bösen begegnet, das die Kleinstadt Derry in den Jahren 1988 und 1989 heimsucht und bevorzugt die Gestalt des tanzenden Clowns Pennywise (Bill Skarsgård) wählt. Georgies Tod wird zum späteren Motor Bills, der mit seinen Freunden den Geschehnissen auf den Grund geht. Sie werden die einzigen, die in der Lage, etwas gegen Es zu unternehmen…
Dass man Kings Romanvorlage selbst in zwei Kinofilmen mit einer Laufzeit von jeweils von über zwei Stunden nicht eins zu eins umsetzen kann, sollte klar sein. Insofern ist die Aufspaltung in zwei Filme und zwei getrennte Zeitebenen ein kluger Schachzug der Macher; hierdurch tritt außerdem das Coming-of-Age-Thema der Geschichte in „Es“ in den Vordergrund. Jeder der sieben muss sich seinen Ängsten stellen, im tatsächlichen wie übertragenen Sinne: Nicht nur nimmt Es gern die Formen dessen an, was seine potentiellen Opfer fürchten, die Kinder müssen eben auch hier mit einer Ausformung ihrer Ängste kämpfen, was ihnen wiederum beim Erwachsenwerden hilft – etwa, wenn Hypochonder Eddie Es in Form eines Leprakranken sieht, aber später aus seinen Erfahrungen den Mut zieht sich gegen seine Gluckenmutter durchzusetzen, deren ungesundes Übermaß an Pflege ihm seine vermeintlich Zerbrechlichkeit erst einredet.

Erwachsene sind im Teen- und Jugendhorrorfilm sowieso selten eine Hilfe, meistens abwesend, unwissend oder ungläubig. Hier sind sie, wie so oft bei King, sogar in vielen Fällen noch eine aktive Gefahr, wie etwa Beverlys brutaler und pädophiler Vater oder Henrys herrischer Dad, der im Gegensatz zu Buch hier auch noch Polizist ist – ein Grund mehr, warum sich die Kinder nicht an die Ordnungshüter wenden. Doch nicht nur für die beschwerlichen Aspekte des Erwachsenwerdens, sondern auch für die schönen Seite der Kindheit und Jugend interessiert „Es“ sich: Freundschaften knüpfen, gemeinsame Erfolge zielen und die erste Liebe entdecken, selbst wenn diese nicht erwidert werden mag. All das erinnert stilistisch auch an Jugendabenteuer der 1980er, vor allem natürlich an den nach King-Vorlage gedrehten „Stand By Me“, und lässt sich dabei erfreulich viel Zeit für die Charaktere und reduziert sie nicht nur auf ihre groben Eigenschaften, die sie zu Außenseitern machen. Zugegeben: Mit manchen Figuren meint das Drehbuch es besser als mit anderen, gerade Stan hat wenig zum Film beizutragen, Eddie könnte der Film etwas besser ausarbeiten und Richie ist kaum mehr als der Spaßmacher der Truppe.
Manchmal können die Darsteller dagegensetzen. Richie etwa wird von Finn Wolfhard so bärig gut dargestellt, dass er ein Eigenleben über den Witzmacher mit den „Deine Mutter“-Sprüchen hinaus entwickelt. Noch stärker ist Sophia Lillis in der wohl am besten ausgearbeitete Rolle des Films, während Jaeden Lieberher und Jeremy Ray Taylor dankbar das Material, welches das Drehbuch ihnen gibt, zum Leben erwecken. Da können Jack Dylan Grazer und Wyatt Olef leider klar nicht mithalten, während sich Chosen Jacobs gut als Mike schlägt. Nicholas Hamilton ist wirklich hassenswerter Bully, der vom Film leider wenig eingesetzte Stuart Hughes als dessen Vater ein angemessen fieses Ekelpaket, noch gelungener als Drecksack ist da nur Stephen Bogaert. Aber die meisten Nebendarsteller sind nur Supporter für die starken Protagonisten, mit einer Ausnahme: Bill Skarsgård. Dessen Pennywise ist sinsistrer und weniger freundlich als in der TV-Version, auch mit mehr CGI-Einsatz zum Leben erweckt, aber Skarsgård leistet einen Höllenjob als Verkörperung des Bösen, an der es nicht viel auszusetzen gibt.

In dieser Version von „Es“ ist der Clown mehr der Katalysator für eine Coming-of-Age-Geschichte und das Überwinden der eigenen Urängste, die sich auch in Szenen wie dem Aufstehen gegen die Bullys zeigen (by the way: Anthrax‘ „Antisocial“ als Untermalung dieser Szene echt genial eingesetzt). Pennywise ist natürlich ein ganz anderes Kaliber als die Schulrowdys, eine wahrlich dämonische Gestalt, deren Auftritte für Grusel und Schocks sorgen. Dabei verzichtet „Es“ nicht auf die im Horrorgenre oft kritisierten Jump Scares, die in diesem Kontext jedoch funktioniert. Schließlich ist ein gut gesetzter Schock doch immer willkommen, wenn er nicht allein dafür da ist um von einer dünnen Geschichte abzulenken (was vermutlich oft eher der Kritikpunkt an diesem Stilmittel ist). In Sachen Zeigefreudigkeit und Gruselfaktor hängt der Kinofilm die TV-Version klar ab, deren Wurzeln im Fernsehen der 1990er doch immer klar zu erkennen waren. Manchmal mag das Ganze etwas repetitiv sein, gerade wenn quasi jeder der Protagonisten im Mittelteil seine persönliche Begegnung mit dem Bösen hat, egal ob es als Pennywise, Leprakranker oder verstorbener Bruder auftritt, aber genau dies ist bereits in der Romanvorlage bereits angelegt, die ähnlich verfuhr.
Auch „Es“ ist dabei der Teil der grassierendes Eighties-Retrowelle (siehe „Stranger Things“, „Turbo Kid“, „Pixels“ und dergleichen), fängt das Feeling der Epoche aber perfekt ein, sei es über die Musik, die Klamotten oder das Programm des lokalen Kinos von Derry, das „Batman“, „Lethal Weapon 2“ und „Nightmare on Elm Street 5“ zeigt. Das ist gleichzeitig ein geschickter Schachzug bei der Aufarbeitung für eine alte und neue Generation: Kingleser der ersten Stunde werden mit den 1980ern (oder zumindest deren popkulturellen Artefakten) die eigene Jugend verbinden, während heutige Jugendliche mehr Bezug dazu haben und die (im zweiten Teil folgende) Gegenwartshandlung als aktueller empfinden werden. Dabei fallen natürlich einige Fifties-bezogene Elemente der Buchs unter den Tisch (etwa Es‘ Manifestationen als Filmmonster jener Epoche, was der Neuverfilmung allerdings auch Probleme in Sachen Copyright erspart), während andere Dinge expliziter gemacht werden können als früher, etwa wie pädophilen Züge von Beverlys Vater, die der Roman eher zart andeutete – zwar erschienen die 1980er mit der Reagan-Ära, der Betonung von Familienwerten und den damals oft gepflegten einfachen Gut-Böse-Schemata wie eine Neuauflage der 1950er, doch waren damals gesellschaftliche Missstände doch nicht mehr ganz so sehr unter der Oberfläche verborgen wie in den 1950ern.

Insofern leistet „Es“ das, was eine gelungene Buchadaption leisten muss, gerade wenn man ein umfangreiches Werk nicht eins zu eins auf die Leinwand bringen kann. Das Eighties-Feeling der Neufauflage passt perfekt, der Film würde auch als Einzelstück funktionieren und auch wenn „Es“ hier und da leicht formelhaft erscheint, so ist es doch ein erfreulich reifer, figurenbetonter und gut erzählter Horrorfilm, der zu den Toperzeugnissen des zeitgenössischen Horrorkinos gezählt werden kann.

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