In-Getränk mit K.O.-Tropfen-Finale
Ein Muster im deutschen Film ist 2017 bzw. in den letzten 12 Monaten definitiv zu erkennen: "Tschick" war stark, "Tiger Girl" ging mir vollkommen gegen den Strich und "Axolotl Overkill" war experimentierfreudiges Mittelmaß. Was kann also der fruchtig-brennende Teenager-Cocktail namens "Tigermilch", in dem zwei frühreife Freundinnen Berlin unsicher machen? Eine Menge, muss ich freudig gestehen. Egal wie ausgelutscht Berlin als hipper Schauplatz mittlerweile wirkt, egal wie steif manche Dialoge oder Jungdarsteller wirken, egal wie nervig die querschlagenden Fast-Frauen sein können - "Tiger Milch" trifft den Zahn der Jugend, rollt im ernsteren letzten Drittel zu Höchstform auf und übernimmt sich nicht mit einer Vielzahl von Themen, vom ersten Mal über Integration bis hin zur Selbstfindung.
Ernste Themen und leichte Mädchen, Parties und pures Leben - diese Milch knallt gut rein und trifft den Ton der literarischen Vorlage wie der aktuell erwachsen werdenden Generation. Was in die fast zwei Stunden dieses Anti-Fack Ju Gothes alles hineingedrückt wird, ist allerhand und wirkt nach. Vor allem die Freundschaft zwischen den zwei Mädels ist eine der authentischsten und erinnerungswürdigsten des Jahres. Nicht nur des deutschen Kinojahres. Die hat sogar noch mehr Substanz und Kraft als die Verbindung zwischen Tschick und seinem Kumpel auf Fatih Akins Roadtrip im Lada.
"Tigermilch" ist ein mutiger, wilder und dynamischer Mix, eine Reise tief in die Seele zwei junger Frauen, die mit den ernsteren Seiten des Lebens konfrontiert werden und die dabei keine Angst haben sich schmutzig zu machen. Der Soundtrack pulsiert, selbst wenn er sich nicht immer entscheidet welchen Stil er denn nun am ehesten verkörpern will. Ein besonderes Lob gilt den zwei Hauptdarstellerinnen, die einen überraschend ernsten, zerbrechlichen und wichtigen Film auf ihren schmalen Schultern balancieren. Manchmal merkt man die Unerfahrenheit der jungen Riege und dass die Dialoge geschrieben wohl besser klingen als ausgesprochen, allerdings wird man schnell in das vielseitige und immer fließende Geschehen gezogen und zittert mit den starken wie zerbrechlichen Damen ehrlich mit. Egal ob die mit gerade gezogenen Weisheitszähnen mich aussehen wie wirkliche Kinder oder sich für ihr erstes Mal prostituieren.
Es geht um Mut, Konsequenzen und vielleicht falsche Entscheidungen, um Abschiede und Vorurteile, um Liebe und Tod. Und Kitsch sucht man am Ende vergebens. Dass muss man mit so manch flachem Teenager-Dialog ala "Ich liebe dich über alles. Ich würde überall für dich hingehen." auch erstmal schaffen. Girlpower. Teenager-Angst. Berlin als brisanter und lebenswerter Schmelztiegel, pochende Momentaufnahme und spritziger Cocktail, der noch viel lernen muss und von dem der momentane deutsche Film ebenfalls viel lernen kann.
Fazit: Fuck You "Fack Ju Goethe" - "Tigermilch" ist zusammen mit "Tschick" der deutsche Coming-Of-Age-Film der letzten Zeit. Kann weh tun, wird gut tun. So muss deutsches Jugendkino sein!