Review
von Leimbacher-Mario
Sagenhaft
In diesem „Horror“schmuckstück und wunderschön aussehenden Genrequerschläger aus Estland folgen wir einer etwas bizarren, abseitigen Gemeinde in einen kalten, aggressiven und tödlichen Winter. Dabei versucht das leichtgläubige Dorf allerlei Hokuspokus um das Unheil abzuhalten, eine junge Frau versucht mit schwarzmagischen Ritualen ihren großen Schwarm zur Liebe zu zwingen und dieser wiederum ist einer schlafwandelnden deutschen Adelstochter auf Besuch in seiner Gemeinschaft verfallen…
Was. Für. Ein. Verdammt. Hübscher. Film! Das muss man erstmal dick und fett festhalten. Was dieses Baltikumunikum audiovisuell raushaut ist schon vollendet veredelte (nicht nur europäische) Spitzenklasse. Selbst wenn er mich erzählerisch und charakterlich nicht immer und durchgängig umgehauen oder gefesselt hat, um es milde auszudrücken, oder sogar eher recht kalt gelassen hat, macht „November“ das mit seiner abseitigen, andersartigen Aura und erhabenen Bildsprache locker wieder gut. Es ist eine monochrome Collage voller Fragezeichen, eine estnische Sage voller Augenzwinkern, ein Kunstwerk, das ganz klar Inspiration von Caligari und Nosferatu bis Bergmann und Tarkovski zieht. Atemberaubend, fantastisch, ein Märchen aus Arthousen-und-einer-Nacht. Der verrückte deutsche Doc aus „Human Centipede“ mischt auch noch mit. Massig politische wie gesellschaftliche Bilder, Verblendungen und Kommentare. Auch ganz zeitaktuell auf die Pandemie und Weltlage anwendbar. Wird nicht alt, dieses Werk hat die Kraft zu bleiben. Als ob „The VVitch“ auf „Das siebte Siegel“ trifft. Mystisch, malerisch, mitunter auch gruselig und einen einlullend, verfolgend. Anstrengung, die lohnt. Stückwerk wird zu etwas Größerem als die Summe seiner Teile. Gänsehautromantik. Dunkler Humor. Seelische Schweinerei.
Fazit: hypnotisch schöner Arthouse-Genremix aus Historie, Horror und Halleluja. Schwarz, weiß und alles dazwischen. Ein estnischer Volks- und Folkalptraum. Oft ganz nah an meisterhaft.