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Hier unter Warner Bros gehalten, im Verbund mit Amazon Studios, eine Coney Island Geschichte, das schon in der Einleitung vorangestellt, in den Song, der die Credits begleitet, Written and Directed by Woody Allen, die Insel in den Fünfzigern, hier noch Höhepunkt der Unterhaltung, "als Poet verwende ich Symbole", und "aufgepasst sein" heißt es hier, eine farbenfrohes, volles Gebilde, von Menschen bevölkert, von Unterhaltungssuchenden und Freizeitsuchenden, die Wiederherstellung eines längst verblassten Traumes, eine Überraschung auch gleich zu Beginn, eine neue Vorstellung, ein erstes Gespräch, von Frau und Stieftochter, auf der Suche nach dem Mann bzw. dem Vater, "aber ich erzähl’ dir ja nichts Neues über deinen Vater", und "ich hasse es (den Lärm), das ganz ramschige Märchenland."

Coney Island, Anfang der 50er des letzten Jahrhunderts. Mickey Rubin [ Justin Timberlake ], der über den Sommer als Rettungsschwimmer arbeitet, hat eine Affäre mit der Kellnerin Ginny Rannell [ Kate Winslet ] hinter dem Rücken ihres Mannes Humpty [ James Belushi ]. Als plötzlich dessen leibliche Tochter Carolina [ Juno Temple ] nach der gescheiterten Ehe mit einem Gangster wieder auftaucht, ist der Vater erst wenig begeistert, aber die familiäre Liebe gewinnt. Ginny stört der neue Hausgast sehr, vor allem, als sich Mickey für den Neuankömmling interessiert zeigt. Währenddessen schwirren bereits die ersten Schergen [ Tony Sirico & Steve Schirripa ] in der Nähe herum.

Kitsch as Kitsch can auch in der Gestaltung, eine Monströsitätenschau farbenfroh, laut und lärmig, eine Überforderung der Personen, ein Geld, an Schotter, an Pinkepinke fehlt es überall, dafür die drei wichtigsten Personen gleich mit im Bilde, es wird nochmal lauter, nun im Gerede. Ein Streit steht bevor, ein Aufbrausen der Gefühle, der Vater will seine Tochter nicht sehen, er gibt seiner neuen Frau die Schuld, welche aber nicht auf den Mund gefallen ist und konterkariert, entgegen und so noch mehr provoziert, hier mit eher ungewöhnlicher Besetzung für einen Allen gehalten, mit bekannten Namen, ja, nur eben ungewöhnlich für diese Sorte Film, für den Filmemacher per se, er wird sich Gedanken über das Casting gemacht haben, schließlich ist es seine Geschichte, sein Werk, seine Darbietung, seine Regie. Allen wie so oft in der Hauptverantwortung und wie zuletzt öfters nicht unbedingt die der darstellerischen Funktion, sondern in der ausübenden Verantwortung hinter der Kamera, der Kontrolle und der Führung. Eine Leidensgeschichte wird erzählt, es wird sich beruhigt, "Ich brauch’ jetzt einen Drink", der Mann ist auf Entzug gesetzt, ein Alkoholkranker, etwas Geschreie im engen Raum, etwas Überreaktion, eine Aufregung, dem Herzinfarkt nahe, viel mit Schuldvorwürfen um sich schlagend, viel Lärm um nichts, viel Radau gemacht, eine Unruhe in den Bildern, Belushi als Naturgewalt, als brummender Vater, fünf Jahre kein Wort mit der Angehörigen gewechselt, nun nur Vorwürfe mit ein paar vergangenen Komplimenten, mit Schuld und Vorwürfen, mit Erinnerungen und Gedanken an früher, ein erwachsenes Kind und ein kleines, jeweils von anderen Erzeugern, nun eine Patchworkfamilie, mitgefangen, mitgehangen, "der Rauch ist verfolgen", eine launische Mutter, ein launisches Kind, ein von innen aufgezogenes Ereignis, dazu Filme und Träume als Ablenkung, "Lass mich jetzt den Film sehen", eine Streiterei und Diskussion, die Aufarbeitung eines Szenarios, dazu ein Feuermacher, ein Feuerleger, die Umwandlung von Masse in Energie.

Kunterbunte Bilder werden hier geboten, stark in den Farben, die Mutter auch dem Filmgeschäft verfallen, früher Schauspielerin gewesen, das Hobby dem Sohn vermacht, die Illusion. Erzählt wird die Geschichte rückwärts und seitwärts und mit den Darstellern und einem Erzähler, der sich uns vorstellt und auch mal in der Zeit springt, der sich uns beichtet und Neuigkeiten berichtet, der von einer Affäre erzählt, einer heimlichen Liebe, etwas Kultur- und Kunstreferenzen, Dialoge zu zweit oft, manchmal zu Dritt, Geheimnisse gehütet und gelüftet, dem Zuschauer offenbart, nicht unbedingt den Mitwirkenden, von Träumen erzählt und von Dingen von früher, der Mensch ist an seiner Tragödie nicht immer selbst schuld, auch das Schicksal greift ein, eine Erkenntnis hier, eine Offenbarung. "Will lieber ins Kino", sagt der Junge wieder, Thornton Freelands Musikkomödie Carioca wird gezeigt, die Illusion und Träumereien hat er von seiner Mutter, der Vater lieber an Realem, an Baseball beispielsweise interessiert, leise der Jazz auf der Tonspur, die Kommunikation begleitend, ansonsten viel Rotlicht, die Charaktere im Scheinwerfer eingefangen, darunter die Demütigungen und die Schuld und die Sühne und der Anfang vom Ende, mehrere verlorene Seelen hier, mindestens drei an der Zeit, unglücklich und liebeshungrig, dazu ein Ausflug nach Greenwich Village, mal aus dem Rummel raus, ein Liebesnest gefunden, die Welt gezeigt bekommen. Wünsche werden erzählt, Rollen gespielt, auch mal getröstet und Geld verteilt und angenommen, eine episodische Struktur, mit Ärger im Rücken, die Mafia taucht auf, die Schergen auf der Fährte, der Todesengel überfliegt die Promenade mit ihrem billigen Nervenkitzel und den Hot Dogs, es brauchte ein paar Tage Sonne dafür, nun wird vielleicht alles besser, wer weiß das schon, der Abspann noch weit hin.

Tschechow wird erwähnt, wird gelesen und wird gespielt, früher eher als heute, es gibt Fortschritte, aber es dauert, es wird mal Eis gegessen, um den Kummer des Alltäglichen zu vergessen, Winchester '73 läuft im Kino, würde man auch gerne genießen und sehen, die Kreise klein, "Hamlet und Ödipus" studiert, "Unwissenheit ist keine Sünde", ein Buch verliehen, ausgeborgt, den die Abendschule gegangen, im Jazz vereint, "nett und gebildet", eine psychologische Studie wird verbracht, Gespräche einseitig fast, die Affäre weitergeführt, in Abwesenheit gelebt, körperlich manchmal nur anwesend, dafür die Dekoration aufwändig und fantasievoll, es wird die vierte Wand durchbrochen, Zuneigung zum Zuschauer gesucht, auf die Probleme aufmerksam gemacht, Schicksal gespielt, mit aller Kraft. Fliehen vor dem richtigen Leben tun alle Charaktere hier, ein ständiger Pegel, ein Hin und Her, mehrere Schatten in der Vergangenheit, manchmal eingetaucht in die ganze Welt, manchmal nur abgetaucht in die Abgründe, es wird um sich geschaut, mal ein Meilenstein geschaffen, mal ein Grabstein, etwas Hektik betrieben, sich in etwas verrannt, ein Geburtstag gefeiert, eine runde Zahl auch; allerdings wirkt es seltsam unpersönlich, das hatte manche neue Allen so an sich, wie eine Auftragsarbeit nach der 6. Aspirin, es werden die falschen Sachen der falschen Person erzählt, man spielt im mal roten und mal im orangen und mal im blauen Licht, ein langsamer Wechsel der Farbfilter, die Gesichter der Darsteller im gleißenden Glanze, im schwelenden Neid; hinten dreht sich wie in Zeitlupe das Riesenrad, vorne wird echauffiert, Migräne hat man oft, die Räume sind zu eng.

Das Rummelgeschäft läuft nicht mehr so wie früher, eine Psychiaterin ist nötig, die muss bezahlt werden, es geht um die Zukunft zweier Kinder, "mit Coney Island gehts bergab, wir verdienen kaum noch was", Winslet spielt das kraftvoll, Belushi auch, auch wenn beide nicht zueinander passen, Timberlake als Außenseiter und dennoch Dreh- und Angelpunkt der Geschichte macht das auch gut, "Ich finde diese Unterhaltung geht in eine komische Richtung"; Gefühle statt Vernunft, es wird analysiert, befragt, evaluiert, referenziert, dann der Strand wieder beobachtet und sich an das Publikum gewandt, "das Herz hat seine eigenen Hieroglyphen", es gibt einige eindrucksvolle Promenaden- und Panoramenbilder und längere Einstellungen, längere Kommunikation, viel über das Empfinden gesprochen, erst läuft alles gut, dann nicht mehr. Einen neuen, aktuellen Film von Woody Allen zu sehen, ist immer etwas Seltsames, er wird meist verbucht von den Siebziger über die Achtziger zu Mitte der Neunziger etwa, da auch schon mit leicht abfallenden Werke; die späteren haben einfach ihre Relation etwas verloren, ihren Bewandtnis, den Status, selbst die besser gelungenen wie bspw. Cassandras Traum, der sich nicht verstecken muss, aber in einer anderen Liga gesetzt ist, als er eigentlich spielt. Genauso geht es dieser Arbeit hier, eine durchaus interessante, da auf seine Art und Weise (auf positive Art) verquere Besetzung, dazu die Schaffung eines Ortes, der zu spielenden Zeit schon am Niedergang war, die Jahre der Depression, heutzutage nostalgisch betrachtet und verkannt und verklärt wird, auch in längeren Szenen, in Plansequenzen, mit einem eingängigen Theme gehalten, dass sich als Melodie ins Ohre legt und webt, dazu die Spannungsmomente aufgrund der mafiösen Struktur und der Verstrickung der Personen darin. Trotz allem und trotzdem: ein guter Film, in dem ein Drama auf das andere folgt. Mehr nicht, und weniger nicht. Die englische Fassung ist übrigens zu bevorzugen, die Deutsche klingt nach Alle lieben Jim.

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