Der Kaiser und sein Attentäter
Der neue Film von Chinas Starregisseur Chen Kaige wirft die Frage auf: wie kritisch ist sie wirklich (noch), die Westen hochrenommierte alternde Avantgarde unter Chinas Filmemachern?
Wort: Diana und Nimrod
Riesig, hauchdünn und transparent wird sie geschwenkt, die Flagge des Reiches Qin, beim Sturm auf die Festung der Han. Für wenige Filmsekunden sie ihre gewaltigen Dimensionen voll entfalten. Allein für diesen kurzen Moment wurde sie nach einer über 2000 Jahre alten tibetischen Methode gewebt und gefärbt. Ein gelungenes Experiment. Ein teures dazu. Die schwarze Flagge weht beispielhaft über dem Monumentalwerk „Der Kaiser und sein Attentäter“. Noch nie hat es in der Geschichte des chinesischen Films einen Produktion dieser Größenordnung gegeben. Damals, ca. 200 Jahre v. Chr., schwitzten über drei Millionen Menschen Schweiß und Blut, um Paläste, Tempel und das gigantische Mausoleum mit der berühmten Ton-Armee zu errichten. Unzählige starben durch die unmenschliche Zwangsarbeit. Auch die Kosten, Millionen von Dollar, die das ehrgeizige Mammutprojekt „Der Kaiser und sein Attentäter“ in den acht Jahren seiner Entstehung verschlungen hat, lassen sich nur noch schwer überschlagen. Viele Details in Kostümen und Bauten wurden nach jahrelangen Recherchen genauestens rekonstruiert. Chen Kaige, der dafür bekannt ist, an sämtlichen Entwicklungsprozessen seiner Filme teilzuhaben, hat allein seinem Kostümbildner ganze vier Jahre für die detailversessene Recherche und Reproduktion eingeräumt.
1993 hat er für sein Epos „Lebewohl meine Konkubine“ in Cannes die Goldenen Palme verliehen bekommen, für „Der Kaiser und sein Attentäter“ erhielt er in Cannes den „Großen Preis der Technik“.Die Kritiken blieben verhalten, Technik sei das einzige, was an diesem langatmigen Monumentalschinken der Erwähnung wert sei.
Als einer der ersten unabhängigen Filmemacher der sogenannten 5. Generation, die mit ihren unkonventionellen und kritischen Werken unter den Kulturfunktionären der Kommunistischen Partei Chinas für Aufruhr und im westlichen Ausland für Furore sorgten, hatte Chen Kaige seit seinem Debüt „Gelbe Erde“ (1984) wesentlichen Anteil daran gehabt, daß sich die chinesische Filmindustrie aus ihren spätestens seit der Kulturrevolution vollends erstarrten Dogmen und der dadurch bedingten Rezession befreite und national wie international wieder Aufmerksamkeit erlangen konnte. Die metapherdurchsetzten, meist historisch oder in archaischen, praktisch zeitlosen Gegenden der Volksrepublik angesiedelten Dramen solcher Filmemacher wie Zhang Yimou, Tian Zhuangzhuang und eben auch Chen Kaige brachen Dämme. Darüber definiert sich ihre Bedeutung für den chinesischen Film. Obwohl das Image der Avantgarde nach wie vor im Westen gepflegt wird, ist es jedoch abwegig, auch in den jüngeren Werke dieser Regisseure einen ähnlich kritischen Gehalt und vehementen Konventionsbruch zu suchen. Die Avantgarde unter den chinesischen Filmemachern der Neunziger stellt längst eine neue Generation, Leute wie Zhang Yuan, Wang Xiaoshuai, Li Hong und Duan Jinchuan, die sich einer viel direkteren Filmsprache bedienen, den Finger auf die sozialen Wunden ihres Heimatlandes legen, wo ihre Vorgänger ihre Kritik hinter bewußt ambivalent auslegbaren Metaphern verbargen. Vielmehr ist für Regisseure wie Zhang Yimou und Chen Kaige längst das Gegenteil der Fall. Sie sind Teil des Establishments. Ein Filmprojekt wie „Der Kaiser und sein Attentäter“ stellt das in jeder Hinsicht klar. Ausländische Investitionen, wie sie in Millionenhöhe für „Der Kaiser und sein Attentäter“ geflossen sind, bedürfen der Zustimmung der Partei. Nicht umsonst arbeiteten die Vertreter der angesprochenen neuen Avantgarde vorerst im kostengünstiger und weniger auffällig realisierbaren dokumentarischen und semidokumentarischen Stil. Auffällig ist auch, daß die Realisierung dieser großen nationalistischen Saga um den Einiger des Chinesischen Reiches, des trotz seiner Grausamkeit immer und immer wieder zur Integrationsfiguren stilisierten ersten chinesischen Kaisers Ying Zheng, später Qin Shi Huangdi, zwei Jahre nach dem Trauma des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens begonnen wurde, als die Risse durch die Gesellschaft Chinas weit klafften und der Regierung die Reanimation eines nationalen Gemeinschaftsgefühls, die Reparatur der nationalen Identität, eminent schien. Es war vor allem nach dem Desaster Tian An Men, daß Kommunismus konsequent durch Nationalismus ersetzt wurde. ( Chris Berry benennt in „ A Nation T(w/o)o. Chinese Cinema(s) and Nationhood(s)“ in: Dissanayake, Wimal (Hrsg.). Colonialism and Nationalism in Asian Cinema . Idianapolis 1994, S. 42 ff. vor allem eine Tendenz zu revolutionären Historienfilmen, die durch 40. Geburtstag der Volksrepublik, den 70. Geburtstag der Partei aber auch als hysterische Antwort auf die Ursachen der Unruhen auf dem Platz des Himmlischen Friedens motiviert gewesen seien.) Daß so ein Film kaum mehr als den Hauch von Subversion versprühen kann, viel eher jedoch der Kommunistischen Partei dazu dient, über die Figur des vom Westen als kritischen Künstler hofierten Chen Kaige auch das eigene Image aufzupolieren, liegt quasi auf der Hand, wenn man nur bedenkt, daß parallel zur Dreherlaubnis und Unterstützung, die Chen Kaige vom Staat erhält, Kritiker in Kultur und Politik als auch Gläubige, die eine andere Macht als die Partei als ihre höchste Autorität begreifen und ihre Ambitionen auf andere Werte als die staatlich verordnete Wohlstandsakkumulation richten, noch immer rigoros verfolgt werden. Nichtsdestotrotz ist es natürlich beachtenswert, wenn Chen Kaige für seine Filmprojekte auch kritische Künstler engagiert wie den Schöpfer des kontroversen Theaterstückes „WM“, der für das Drehbuch zu „Der Kaiser und sein Attentäter“ mitverantwortlich zeichnet. Auch dies als reine Imagekosmetik abzutun, würde wohl tatsächlich zu zynisch sein.
Die Story
Das Vermächtnis der Ahnen vor Augen, China als großes Reich zu einen, mordet sich Ying Zheng (Li Xuejian), König der Qin, durch die noch bestehenden sechs Königreiche und wird im Jahre 221 vor Christus zum ersten Kaiser von China ausgerufen. Chen Kaige selbst spielt Lu Buwei, den Premierminister, der sich im Laufe der Handlung als der Vater Ying Zhengs entpuppt. Es ist ein dunkles Kapitel in der Geschichte Chinas und zugleich ein Neubeginn, verbunden mit einem wirtschaftlichen Aufschwung und der Errichtung sagenumwobener Bauwerke, von denen insbesondere die Chinesische Mauer auch heute noch Zeugnis für die Höhe der alten Kultur ist. Bis der Film so viel erklärt hat, ist bereits geraume Zeit verstrichen. Und die Zigarettenpause scheint zwingender als das minutiöse Verfolgen der ausschweifenden Handlung. Braucht es so ein Epos eigentlich heute noch? Ja, sicherlich, eigentlich keine Frage, aber doch nicht so etwas, das verzweifelte Kritiker aus Mangel an Spannung, effizienter Dramaturgie und wirklichen Höhepunkten als ein erhabenes und technisches Meisterwerk beschreiben und damit schon zum Ausdruck bringen, was dem Film wirklich fehlt: die facettenreiche Skala menschlicher Charaktereigenschaften, die Annäherung an die dem Menschen ureigenen Emotionen. „Der Kaiser und sein Attentäter“ hingegen verliert sich in technischen, in materiellen Details. Die Magie der Bilder und der Gefühle will nicht recht aufkommen. Chen Kaiges Verdienste bei der Recherche kann diese Kritik natürlich nicht mindern, sie bleiben beispielhaft, und auch seine Auszeichnung durch das World Economic Forum für seine Verdienste um kulturelle Verständigung ist sicherlich gerechtfertigt, dennoch gleitet ihm sein Medium in diesem Fall zusehends aus den Händen.
Die Zigarette in einem fast überquellenden Aschenbecher ausgedrückt, wird ein dennoch ein neuer Versuch gestartet, einzutauchen, in die vergangene chinesische Kultur...
Ying Zhengs Konkubine Zhao (Gong Li beim wenigstens dritten Mal, daß sie eine Konkubine des ersten Kaisers mimt) wurde soeben Zeuge wie Jing Ke (Zhang Fengyi) sich erniedrigte, um einen Jungen aus den Händen eines reichen Bäckers zu befreien. Jing Ke, ehemals ein Schwertkämpfer, der für Geld tötete, soll beauftragt werden, Ying Zheng zu töten. Doch er weigert sich. „Ich töte nicht mehr.“ Bald darauf dringt Ying Zheng in das Heimatland Zhaos ein und metzelt wahllos Frauen und Männer. Zhao versucht, den Mord an den Kindern ihres Landes zu verhindern. Sie scheitert: Auf Zhengs Befehl werden alle Kinder bei lebendigem Leibe begraben. Spätestens ab diesem Zeitpunkt weiß Zhao, daß sie Ying Zheng nicht mehr mit ihrer List unterstützen wird, um den ehrgeizigen Plan eines geeinten China zu verwirklichen. Ihre Liebe geht auf Jing Ke über. Nun kann sie ihn doch dazu bewegen, Ying Zheng zu töten. Aber das Attentat scheitert und Ying Zheng wird der erste Kaiser Chinas. Explizit findet das allerdings nicht mehr auf der Leinwand statt, dann hätte der Film wahrscheinlich wirklich die Dreistundengrenze gesprengt. Der langsame Erzählrhythmus hat sich wie Blei auf die Lider gelegt, und bei allem Bemühen um ein Verständnis für das chinesische Zeit- und Rhythmusgefühl, trotz aller Versuche, subversive Konnotationen herauszulesen, biete der Film am Ende nicht genug, was ausreichen würde, ein Publikum zu begeistern, daß sich nicht ausschließlich aus Sinologen, Ethnologen oder Techniknerds zusammensetzt.