Review

Was wir hier haben, ist ein noch vor wenigen Jahren nicht möglich geglaubtes Produkt moderner Zeiten. “Shanghai Knights” hat seine Geburt einer kleinen runden Scheibe mit einem Loch in der Mitte zu verdanken: der DVD. Ohne den Siegeszug von “Shang-High Noon” im Heimkinobereich wäre eine Fortsetzung der Eastwest-Buddy-Comedy nicht denkbar gewesen, denn ins Kino hat das erste gemeinsame Abenteuer von Jackie Chan und Owen Wilson nicht genug Menschen locken können. Der DVD-Verkauf legitimierte am Ende aber doch noch die Produktion eines Sequels. Das hört sich verdammt gefährlich an. Sehr kommerziell. Sehr kalkuliert. Sollte man da wirklich sagen, besser spät als nie?

Unglaublich - aber ja! Natürlich bleibt “Shanghai Knights” ein gewinngerichtetes Unternehmen, keines, das der Liebe zum Produkt wegen realisiert wurde. Aber sieht man das Resultat, so muss man sich doch sehr darüber wundern, mit welchem Auge fürs Detail und welch sorgfältiger Behandlung der Charaktere man all dies in die Tat umsetzen konnte. Der zweite Teil mag den ersten trotz eines insgesamt noch dynamischeren Pacings und noch ausgefallenerer Sets nicht übertreffen, aber gleichwertig ist er allemal.

Das liegt vor allem daran, dass die Regler genau richtig gedreht wurden: Die Chemie zwischen Chan und Wilson blieb bestehen, das Setting wurde ausgetauscht. Das Rezept wurde leicht abgeändert, ohne die Qualität zu beeinträchtigen.

Sicher, der Einstieg in die Story ist so gewöhnlich, wie er nur sein kann. Es erfolgt über eine bemüht dramatische Einleitung zuerst der Storyauslöser. Der kommt mal wieder über ein gestohlenes Stück China-Kultur und einen getöteten Verwandten des Hauptdarstellers zur Anstachelung der Rachegelüste desselbigen nicht hinaus. Dann werden die alten Haudegen aus dem ersten Teil nacheinander eingeführt, inzwischen getrennt voneinander lebend; Jackies Chon Wang bekommt die Nachricht vom Tod seines Vaters und dem gestohlenen Erbstück, er sucht seinen alten Kollegen auf, Wilsons Roy O’Bannon. Später wird der Cast um ein paar Sympathieträger (darunter typischerweise eine Verwandte, nämlich die Schwester von Chon Wang, die prompt zum Streitobjekt der beiden alten Freunde mutiert) und ein paar Baddies angereichert und oho, da haben wir das Filmgerüst soweit auch schon fertig. Vom reinen Stoff her also ohne Zweifel ein Sequel, das seiner Erwartungshaltung im Vorfeld gerecht wird: Produziert für den schnellen Profit, und fast ein Wunder, dass man dafür noch Chan und Wilson gewinnen konnte.

Das Drehbuch ist aber nur reine Theorie, die in der Praxis oftmals ganz anders aussieht. So auch hier: Das alte London mausert sich in kürzester Zeit zum einprägsamsten Nebendarsteller des Films. Der ferne Osten und der wilde Westen liegen inzwischen hinter uns. Und das ist eine sehr interessante Sache, denn viel vorhersehbarer wäre es gewesen, hätte man die Handlung des Sequels diesmal einfach in den Osten verlegt, so wie es bei der “Rush Hour”-Reihe der Fall war. “Rush Hour 2" verkam u.a. auch deswegen zum simplen Negativ des Originals, mit all dessen Witzen, angewandt auf die umgekehrte Ausgangslage. Derlei Situationen gibt es hier zwar auch, aber sie bestimmen nicht den Filmrhythmus, sondern sind angenehmerweise nur ein Nebeneffekt. Und wenn sie dann mal auftauchen, sind sie oft auch noch saukomisch. Die Kissenschlacht ist eine würdige Alternative für das Trinkspiel, weil so richtig kitschig-überkandidelt wie einige herausragende Momente aus Ben Stillers “Zoolander”. Wenn dann plötzlich mittendrin auch noch Regieassistent Mirek Lux, ein nicht allzu hübscher Geselle, als Gag mitten in dem harmonischen Federspaß herumhüpft, ist die Farce komplett. Auch das gehässige Gespräch zwischen Chon Wang und seiner Schwester über Roy ist als Gegenstück zu Roys gemeiner Beichte im ersten Teil ein Spaß, auf eine verrückte Art im Deutschen sogar noch komischer als im Original. Denn als Jackie mit seiner gutmütigen deutschen Synchro aus dem Munde von Stefan Gossler behauptet “Ich nenne ihn nur noch Roy O’Betrüger!”, kannte ich zumindest kein Halten mehr.

Aber zurück zum Drehort. Denn das kaltnasse britannische Königreich birgt weit mehr Möglichkeiten als das reine Vergeltungsschema mit umgekehrten Rollen in der Heimat des anderen Buddys. Alleine optisch beinhaltet “Shanghai Knights” viel mehr Überraschungen und kann ein ums andere Mal ins Staunen versetzen. Nicht nur, dass das Produktionsdesign für einen Film, der erst durch die DVD-Vermarktung des Vorgängers grünes Licht bekam, sehr beeindruckend aussieht; es bringt auch immer wieder unerwartete Handlungsorte ein. Ein in China gedrehtes Sequel hätte derer nicht so viele gehabt, weil man einen Vorgeschmack darauf bereits in “Shang High-Noon” bekommen hatte, der ja nun mal kein reiner Western war, sondern ein Western mit massivem Eastern-Einschlag durch einige Szenen in China und sehr viel Garderobe. Doch hier erleben wir ein perfekt marmoriertes London in der Zeit des britischen Imperialismus: Pflastersteine, Regen, Kutschen (die auf der linken Spur fahren), der Big Ben, das Königshaus, Stonehenge, Dorfmärkte, Museen, alles realisiert mit viel Liebe zum Detail und in einer mindestens genauso frischen Optik, wie sie bereits “Shang-High Noon” vorlegte.

Das kommt auch der Buddy-Beziehung zugute, da ein einfacher Revierwechsel nur halb so interessant wäre, als die Buddies einfach mal sofort in ein neues Gebiet zu schicken. Und tatsächlich, den Dialogverantwortlichen gelingt es ebenso wie den beiden Schauspielern, die Figuren Chon Wang und Roy O’Bannon noch weiter miteinander zu verwurzeln. Ohne nennenswerte Selbstwiederholung wird die alte Liebe wieder aufgewärmt, und zwar auf höchst erheiternde Art. Wilson versteht es fast noch ein wenig mehr, auf Chans zurückhaltende Art einzugehen, wirkt sogar fast noch offener ihm gegenüber. Das hat zur Folge, dass er manchmal etwas von seinem subtilen Humor abdriftet, um sehr direkt die Pointen zu schmeißen. Das schadet der Beziehung aber nicht, sondern lässt sie noch weiter aufleben. Im Gegensatz zum Original gibt es diesmal nämlich sogar ein paar frontale Schenkelklopfer, die voll und ganz auf Wilsons einfühlsame Interpretation seiner Rolle zurückzuführen sind - denn er weiß absolut, wie man Jackie herausfordert (“Oooh... You think you’re so cool with your karate...and your child-like reflexes!”).

Auch werden alle guten Charaktere auf Seiten des destruktiven Duos diesmal etwas besser verarbeitet, als dies bislang u.a. mit Lucy Liu der Fall war, die damals ja leider etwas verschenkt wurde. Hilfe gibt es gleich von mehreren Seiten. Vorangestellt sei das charmante US-Filmdebüt der rassigen Fann Wong, die nicht nur für Roy die Retterin des O’Bannon-Geschlechts ist, sondern für den Zuschauer zugleich ein echter Blickfang. Erstaunlich sind auch ihre wenigen Martial Arts-Einlagen, da sie zuvor nie Martial Arts, sondern allenfalls Ballett gelernt hat. Tom Fisher ist als Artie ein sehr sympathischer Charakter, der freilich seine vollkommene Nutzlosigkeit für den Plot nicht verbergen kann, was zum Teil auch auf den kleinen Aaron Johnson zutrifft, der Chon und Roy als Straßenbengel Charlie zunächst bestiehlt, ihnen dann aber hilft - klassisch, typisch, im Grunde unnötig. Wäre da selbstverständlich nicht das für die Reihe typische Spiel mit der Historie, das darauf ausgelegt ist, dass Chon Wang und Roy O’Bannon mit ihren Aktionen massiv den Geschichtsverlauf beeinflusst haben. Einige Einfälle sind wirklich gelungen, andere wiederum sind so autark, dass sie nicht funktionieren können (die Jack-the-Ripper-Sache), doch insgesamt werden diese historischen Insider angenehm beiläufig in den Plot gebunden. Und letztendlich hilft dies auch über den schwachen Plot hinweg: Praktisch jede Szene ist ein Zitat aus einem Film oder von einem historischen Ereignis oder hat sonstwie einen tieferen Sinn, so dass neben dem simplen Storyverlauf noch anderweitig Dinge zu entdecken sind, die auch ein zweites Ansehen zu einem herzlichen Vergnügen machen... und derlei Spielereien ist man von einer Komödie diesen Schlags ja nun sonst nicht gewohnt.

Eine nicht ganz so gute Figur macht die Fraktion der Bösewichter. Aidan Gillen bleibt schauspielerisch in einer Supervillain-Schablone für Disney-Vormittagsfilme stecken. Er schafft es leider nicht, der Vorlage für seine Figur, Schauspieler Basil Rathbone, Tribut zu zollen, wie es Xander Berkeley mit seiner Rolle im Original schaffte. Saft- und kraftlos schmeißt er mit faden Phrasen um sich und versucht, möglichst gemäßigt-psychotisch zu wirken, was leider auf ganzer Linie misslingt. Der Endkampf im Big Ben ist da noch eine seiner gelungeneren Sequenzen, weiß er doch zumindest einigermaßen mit seinen Schwertern umzugehen und ist Jackie Chan ein würdiger Gegner. Gegen Handlanger Donnie Yen wirkt Gillen aber in allen Belangen unterlegen. Dessen Kampf mit Jackie auf dem Boot ist jedenfalls hart, schnell und technisch perfekt, wenn auch leider viel zu kurz. Da blitzt im wahrhaftigen Sinne in einer US-Produktion mal die Kampfqualität eines Hong Kong-Films auf, bleibt aber leider viel zu kurz, um höhere Wellen schlagen zu können. Sei’s drum, im Gesamten sind Kampfeinlagen leider viel zu selten zu sehen, wenn aber, dann haben sie Qualität. Neben den beiden genannten Duellen sei noch der Kampf auf dem Markt erwähnt, der Charlie Chaplin nebenbei zu seiner Schirmchenvorstellung inspiriert hat; anlehnend vor allem an die tolle Marktsequenz aus “Miracles” zeigt Jackie hier nochmals sein ganzes Können, das in Produktionen wie “Das Medaillon” total verschwurbelt wurde.

Stoff also, mit dem man etwas anfangen kann! Der Plot ist wie zu erwarten aus der Abteilung “schwamm drüber”, aber die Handlung nach England zu verlegen, war ein geschicktes Unterfangen. Chan und Wilson verlieben sich in der “Stadt der Liebe” (ja, das war Ironie) ganz neu ineinander, die Sets sind extrem abwechslungsreich, die Optik ist höchst attraktiv, die Flut an Reminiszenzen erwärmend und die Co-Stars abgesehen von einem schwach agierenden Aidan Gillen sympathisch. Dass Chan und Wilson kurz vor dem Abspann darüber reden, vielleicht ins Filmgeschäft einsteigen zu wollen, lässt mich Jubelsprünge ausführen und hoffen, dass da noch ein dritter Teil nachgeschoben wird. Denn Chon Wang (sprich: John Wayne), der Filmstar? Das könnte klappen!

Details
Ähnliche Filme