Review

Theologisch-theatralischer Brainfuck


Wie schreibt man über dieses sonderbare Kammerspiel ohne Spoiler? Warum vermarktet das Studio ein höchst anspruchsvolles Arthouse-Psychodrama wie den nächsten "Conjuring"-Ableger, von dem er kaum weiter entfernt sein könnte? Finden religiöse Menschen diesen Film besonders gut oder besonders schlimm? Fragen über Fragen, ein Film, der noch lange nachwirkt und tagelang bei einem bleibt, jahrelang auf Filmschulen studiert und im Internet analysiert werden wird. Nach dem "Noah"-Reinfall ist der kontroverse Regisseur jedenfalls wieder voll in der Spur und seinem Element. Ein bedeutungsschweres, wunderhübsches Pfund von einem Film setzt er uns hier vor, welches man erstmal sacken lassen muss. Sorgt dafür, dass ihr nicht alleine ins Kino geht - nicht weil er so gruselig oder böse ist, sondern weil ihr danach über ihn reden werden wollt. Und allein das ist in der heutigen, stromlinienförmigen Filmzeit ein dickes Extralob wert. Polarisierend, metaphorisch, eher elektrisierendes Theaterstück als Film. 


Das komplizierte Stück Kunst handelt von einem auf den ersten Blick gar nicht so ungewöhnlichen Paar, das in einem abgeschiedenen Landhaus wohnt. Er kreativer Schriftsteller, sie kümmert sich um das Haus und liebt ihn von tiefstem Herzen. Doch als immer mehr Besuch von Fremden kommt, merkt die Dame des Hauses wie ihr alles entgleitet und die ganze Sache groteske, alltraumhafte Züge annimmt... Die Beschreibung, die Trailer und zu Beginn vielleicht sogar die Grundstimmung erinnern an "Rosemaries Baby" oder eine konfuse Variation des "Omen", doch im Endeffekt kredenzt uns der fordernde Regisseur etwas ganz Anderes, viel Größeres, viel Heftigeres. Umso weniger man davon weiß, umso später der Aha-Effekt einsetzt und der Groschen fällt, desto mehr rappelt es im Karton. Ist man jedoch von der ganz schnellen Sorte, wie ein Kumpel mit mir im Kino, dann mag das ganze Theater wohl nur halb so clever wirken, wie es meint zu sein. Doch selbst dann dürfte es noch genug zu entdecken geben, sollten genug Deutungsebenen und verstörende Szenen hängen bleiben, dass man in gewisser Weise vor dieser Vision den Hut ziehen muss. Aronofsky macht sein eigenes Ding, das uns Einiges abverlangt und mit dem die meisten Kinogänger, erst recht mit dieser irreführenden Werbekampagne, ärgerlich wenig anfangen können werden. 


Für mich ist "mother!" jedoch einer der wichtigsten Filme des Jahres und der Stoff aus dem Kinolegenden sind. Und waren Meisterwerk wie "2001" oder "Blade Runner" nicht ebenfalls zu ihrem Release umstritten und verkannt? Endlich mal wieder ein Film mit Eiern, einer der aufrüttelt, verstört und im letzten Drittel sowas von aufdreht, dass einem Sehen und Hören fast vergehen. Selbst wenn man sich innerlich immer wieder an die dann eindeutige Metaphorik erinnert. Die Bilder sind von einer betörenden, ursprünglichen Schönheit - pur, körnig, natürlich. Hinzu kommen Performances von Bardem und Lawrence, die zu den besten in zwei Gigantenkarrieren gehören. Von Bardem kennt man seine höllische Zweifaltigkeit, mal freundlich, mal beängstigend, doch was Jennifer Lawrence hier auf ihren Schultern trägt, ist fast schon historisch. Lange war ich nicht mehr so heiss einen Film nochmal zu sehen und Details anders zu deuten oder überhaupt wahrzunehmen. Bei solchen sperrigen Werken vermisse ich auch gewaltig die IMDB-Message Boards. In der heutigen Zeit haben Filme nach nur wenigen Tagen meist einen unwiderruflichen Stempel - mies oder top, rotten oder fresh. "mother!" lässt das nicht so leicht mit sich machen. Allein davor ziehe ich meinen Hut und bin mit jeder Minute die verstreicht überzeugter davon, einem zeitlosen Meisterwerk beigewohnt zu haben. Jeder der polarisierendes und mutiges, herausforderndes und künstlerisch messerscharfes Kino der Kontroverse mag, darf den Kinogang hier nicht scheuen. Sonst könnte man etwas Großes verpassen. Der Rest, der "Annabelle 3" erwartet hat, wird zutiefst enttäuscht und aufgewühlt oder auch gelangweilt das Kino verlassen. 


Fazit: Geniestreich oder Metapher-Überdruss? Verstörend oder langatmig? Emotional oder stocksteif? Gelungen oder prätentiös? Erhellend oder ketzerisch? Biblisch oder teuflisch? "mother!" ist ein Film, über den man reden will, muss, wird. Bei mir hat er tiefe Spuren hinterlassen & ich muss ihn mir unbedingt noch einmal angucken, jetzt mit anderen Erwartungen, neuem Vorwissen und möglichen Deutungen. Einer der großen Spalter des Filmjahres 2017 - Aronofsky ist zurück mit einem Knall!

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