kurz angerissen*
Dank der komplexen Erzählstruktur mit vielen invers verknüpften Handlungssträngen hätte "The Darkest Hour" in der Hauptsache ein Geschichtsfilm werden können. Doch die energetisch gezeichnete, schillernde Hauptfigur macht schnell eine Biografie daraus. Wenn nicht gar ein Ehrendenkmal für einen Mann, der im Ausgang des Zweiten Weltkriegs eine entscheidende Rolle einnahm. Gary Oldman liefert genau die Show, die man im Oscar-Lande sehen möchte: Eine hervorragende Maske, die gleich noch den Award für das beste Make-Up sicherte, lässt eben genug Transparenz für den Darsteller dahinter. Als Churchill knurrt und bellt Oldman wie ein aggressiver Hund, er verunsichert Gegner wie enge Vertraute, bindet letztere allerdings auch durch einen feinen Sinn für ironisch verpackten Humor an sich, den er mit einer Reflektion seiner eigenen Entscheidungen verknüpft. Lily James als seine Sekretärin Elizabeth ist ein Spiegel dieses Wechselbads der Gefühle, ständig zittern ihre Mundwinkel vor Verunsicherung, dann wieder liest man so etwas wie das Urvertrauen in ihren Augen, wie es eine Tochter dem Vater gegenüber empfindet. Dass selbst King George (Ben Mendelsohn) im Umgang mit dem hitzköpfigen Premier diesem Gefühlschaos ausgesetzt ist, auch wenn er es als souveränes Regierungshaupt zu verbergen weiß, illustriert die unerschütterliche Stärke eines Mannes, dessen Selbstzweifel Joe Wright allerdings ebenso zu thematisieren weiß. Und trotz der bitteren Kriegshintergründe und der harschen Art Churchills liest sich sein Portrait manchmal wie eine leichte Komödie. Bei aller Dunkelheit, die sich in den tiefen Schwarz- und Dunkelbrauntönen der Bildkompositionen niederschlägt, und der Hektik, die in Räumen voller gestikulierender Anzugträger aufgebaut wird, findet Wright immer wieder Momente des Lachens und der Erleichterung.
Dass weder die Kriegsgräuel gezeigt werden noch der deutsche Feind aus seiner Unsichtbarkeit tritt, hat ausnahmsweise weder etwas mit Unvollständigkeit zu tun noch mit fehlendem Interesse gegenüber der anderen Seite; es zeigt einfach auf, wie sehr Großbritannien zu jener Zeit mit sich selbst beschäftigt war. Das Bemühen, ein Mittel gegen Deutschlands Machtzuwachs zu finden spaltet die Interessengruppen, die im Film auftreten, so tief, dass selbst die Amerikaner nur am Rande auftreten. Wenn "The Darkest Hour" im Zuge dessen eines verdeutlicht, dann ist es die Ohnmacht der Diplomatie, die angesichts des gnadenlosen Vorgehens Hitlers zur Passivität verdammt wird.
Von der Kamera über den Score bis in den Cast hinein dirigiert der Regisseur eine Sinfonie in runden Bögen, in der nichts dem Zufall oder der Experimentierfreude überlassen wird. Die Kostüme sitzen ebenso wie die Ausstattung, abstrakte Entscheidungen an langen Tischen werden mit dem Faktor "Mensch" aufgewogen (U-Bahn-Szene), ein politischer Handlungsträger wird vom gedruckten Namen in den Geschichtsbüchern zum greifbaren Menschen gemacht. Natürlich muss damit von einer virtuosen Lehrstunde in Sachen Weltgeschichte gesprochen werden. Wagemutiges, expressives Kino geht allerdings anders.
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