Hitchcocks kleiner, aggressiver Urenkel
Nach Liam Neeson im Schnee mit Wölfen, mit Amnesie in Berlin, im Flugzeug oder, ganz klassisch und mehrfach, wütend, weil jemand ein Familienmitglied entführt hat, ist der alternde Actionvielspieler nun im Zug unterwegs, wo er einen Fremden ausfindig machen muss, sonst geschehen schreckliche Dinge... Klingt nach Hitchcocks "Strangers on a Train" meets "Speed" mit einem Schuss "Source Code"? Kommt hin. Allerdings kombiniert Regisseur Collet-Serra momentan clever und adrenalintreibend wie kaum ein zweiter Regisseur im immer kleiner werdenden Mittelbudgetgebiet bekannte Muster. Fan von Hitchcock ist er aber definitiv, nachdem er schon letztes Jahr seinen kleinen "Jaws" abgeliefert hat. Er ist der Mann, der momentan mit den halbgrossen Filmen Gewinne generiert. Am liebsten mit seinem Lieblingsstar Neeson als solides, sympathisches Zugpferd. Was kann also die neue Kollaboration der zwei, über die sich heute Abend einige Leute (verständlicherweise) in der Sneak Preview tierisch gefreut haben?
Erstmal bin ich froh, dass man "The Commuter" hierzulande (noch) nicht in "Der Pendler" umbenannt hat. Obwohl das für einen Actionthriller auch sehr witzig und verlockend klingen würde... Dieser Zugrenner ist immer in Bewegung. Ob es die stark inszenierten Kämpfe, eine geniale Sequenz unterhalb des Zugs oder die eigentliche Suche nach dem "Zielobjekt" ist - dieser Train-Cluedo ist schneller als Kontrolleure plötzlich hinter dir auftauchen und dich erschrecken können. Perfekt für die aktuelle Generation und deren ungeduldige Sehgewohnheiten. Kein Wunder, dass die Werke des noch recht jungen Spaniers immer gut ankommen. Auch "The Commuter" ist gelungen und würde von mir niemals als "rotten" eingestuft. Doch sehr gut oder gar herausragend, war außer "Orphan" (für mich als Horrorfan), noch keiner von Collet-Serras Filmen. "The Commuter" stellt da leider keine positive Ausnahme dar. Nur das Ensemble ist wohl des Regisseurs bisher edelstes. Kleine Kratzer im Lack sind einige gegen Ende doch sehr hervorsehbare Twists und unfertig wirkende Computereffekte.
Fazit: "Taken" on a Train? Ganz so einfach ist es nicht. "The Commuter" ist typisch Collet-Serra - kurzweilig, unterhaltsam, temporeich. Ein netter Sonntagnachmittagsfilm. Bahnbrechend wie sein Zug ist er allerdings nie. Dafür wirkt er zu mittelmäßig und wenig ambitioniert.