Senior-Actionstar Liam Neeson hat es diesmal in die U-Bahn verschlagen: In einem New Yorker Vorort-Zug, dem titelgebenden Commuter, ist er als Michael MacCauley einem Komplott auf der Spur, in das er recht unvermittelt hineingezogen wird - aber wie man Neeson kennt, meistert er auch diese Herausforderung, bringt die Bösen zur Strecke und steht am Ende als stiller, bescheidener Held da. So war es in den meisten seiner bisherigen Action-Thriller, und so ist es auch diesmal.
Michael MacCauley, ein Ex-Cop und derzeitiger Versicherungsverkäufer ist 60 Jahre alt, hat Frau und Sohn, die finanzielle Lage ist angespannt, da wird er altersbedingt kurz und schmerzlos gefeuert und steht nun da mit all seinen Sorgen. Während er noch überlegt, wie er die schlechte Nachricht seiner Frau beibringen soll, steigt er wie seit vielen Jahren in die U-Bahn, die ihn nach Hause bringen soll. Etwas Trost spendet der Smalltalk mit anderen Pendlern, deren viele bekannte Gesichter er seit Jahren kennt, genauso wie das Zugpersonal. So eintönig und immer gleich ist dieser Weg von und zum Arbeitsplatz, daß Neeson sogar sagen kann, wer von den Fahrgästen auf der Strecke wie er Pendler ist und wer nicht. Als ihn eine solche Unbekannte plötzlich anspricht und ihm ganz direkt 100.000 Dollar für einen kleinen Gefallen anbietet, glaubt er seinen Ohren nicht zu trauen: Er soll einen Fahrgast identifizieren, der eine Tasche trägt und an einer bestimmten Station aussteigt. Gelingt ihm das, darf er die Belohnung, die auf der Zugtoilette versteckt ist, behalten. Und weg ist sie, die Unbekannte, und der rasante Thriller nimmt Fahrt auf...
Fortan nimmt die Kamera weitgehend die Perspektive von MacCauley ein, der genauso wie die Zuschauer gar nicht weiß, wo er anfangen soll, die 100.000 Dollar in der Tasche aber weißgott gut gebrauchen kann. So werden diverse Fahrgäste näher inspiziert, was Neeson mit der ihm eigenen, distanzierten Art und dem Scharfsinn eines Ex-Cops anpackt, ihn aber viel zu langsam seinem Ziel näherbringt, während die Zeit davonläuft, da die Commuter-U-Bahn der bezeichneten Station immer näher kommt. Geschickt baut Regisseur Jaume Collet-Serra auch einige Sackgassen ein, sodaß sich die Spannung kontinuierlich erhöht. Aussteigen und mit dem Geld abhauen ist keine Option, die Unbekannte ist jederzeit im Bilde über Neesons Aktivitäten und unterbindet mit Drohungen gegen Neesons Familie jeden Fluchtgedanken. Ein Versuch, die Polizei zu verständigen endet mit einem Mord, eine weitere Leiche taucht in der U-Bahn selbst auf und Neeson, dessen anfängliche Verzweiflung über sein berufliches Desaster der nackten Angst um seine Familie gewichen ist, hat immer noch viel zu viele Kandidaten, welche der oder die Gesuchte sein könnten. Als sich die U-Bahn der nämlichen Station nähert, sind es immer noch ein halbes Dutzend, die Neeson unter Aufbringung all seiner Tricks auszusortieren versucht...
Für Spannung ist also gesorgt, darstellerisch sehen wir Neeson anfangs als (fast) gebrochenen Mann mit Hang zu Zynismus und Bitterkeit, der dann im richtigen Moment zu Hochform aufläuft, dabei selbst einiges einstecken muss, sich aber zur Erbauung des Publikums (oder sollte ich sagen des Klischees?) jederzeit seinen Sinn für Gerechtigkeit bewahrt und zum Helden und Vorbild stilisiert wird. Dabei kokettiert Neeson mit seinem Alter ("Ich bin jetzt Sechzig, was kann man da noch von mir erwarten?") während er gleichzeitig seinen Scharfsinn und seine Nahkampffähigkeiten im Minutentakt unter Beweis stellt, da darf man schon schmunzeln. Die Nebenrollen fallen wie gewohnt eher klischeehaft aus: Ein alter Glatzkopf mit Prostata-Problemen, ein pokernder Geschäftsmann, eine punkige Jugendliche mit geklauten Scheckkarten, ein verdächtiger Zivilpolizist, eine Krankenschwester, ein Schaffner als Feigling, um nur einige zu nennen, eben das typische Publikum einer U-Bahn, wie man es auch in Europa finden kann. Dem Börsenmakler haut er publikumswirksam einen Spruch um die Ohren ("Schönen Gruß vom amerikanischen Mittelstand: Goldman Sachs, FUCK YOU"), wenigstens der schwarze Gitarrenmann ist eine etwas ambivalente Figur, ebenso der unbekannte Spieler der Pokerrunde - Charaktäre, die sich ein bißchen mehr Zeit verdient hätten, in einem Action-Thriller aber logischweise leider zu kurz kommen.
Punktabzug gibt es aber für das mit Dauer des Films immer mehr in den Vordergrund drängende Moment des unbedingt-Action-haben-wollens, das in der vollkommen überzogen dargestellten und überdies noch schlecht gemachten (erkennbare CGI-Effekte) Entgleisung und Zerstörung der U-Bahn gipfelt. Wie man eine führerlose U-Bahn realistisch darstellt, ist im 1974er Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123 zu sehen, 44 Jahre später hat es nur für eine billige Computeranimation gereicht. Statt darauf und auf die eine oder andere Action-Einlage zu verzichten und die spannende Story ohne Peng-Krach-Bumm zu Ende zu erzählen, müssen sich überschlagende U-Bahn-Wagen, Scharfschützen mit Wärmebildkameras und ein finaler Plot-Twist herhalten, um The Commuter zu beenden. Naja.
Insgesamt aber immer noch ein unterhaltsamer Actionstreifen mit einem glänzend aufgelegten Liam Neeson, dessen Spannungsbogen einen über diverse Logiklöcher hinwegsehen läßt (wie kann man x-beliebige fremde Handies anzapfen, woher kam der Ehering so schnell, wer tötete den Polizisten, den Lokführer und woher wußte die Unbekannte stets, was Neeson vorhatte und gerade machte?), der dann in einem allerdings vorhersehbaren Showdown reichlich klischeebehaftet endet. 7 Punkte.