kurz angerissen*
Eher ein zynischer Kommentar zur Gattung des biografischen Films im Allgemeinen als ein Charakterportrait über eine White-Trash-Eisläuferin ist "I, Tonya" geworden. Schon dadurch hebt er sich wie ein schwarzes Schaf von der weißen Herde verklärender Personenkulte ab, denen man in dieser filmischen Spielart immer wieder begegnet. Es ist aber kein Klamauk wie "Walk Hard", der mit dem Publikumswissen über andere populäre Biografien spielt und offensiv Witze über das Offensichtliche reißt; vielmehr geht es darum, die narrativen Mechanismen dieser Filmsorte zu entziffern, auseinanderzunehmen und nonkonform wieder zusammenzusetzen. So sehen wir also eine Pechmarie aus dem niedersten Proletariat als Titelfigur in einem Konstrukt, das für Heldinnen gezimmert ist; wir erleben häusliche Gewalt, die mit Coen'schem Humorverständnis verharmlost wird anstatt mit Tragik beschwert; und eine Kleingangsterballade eingebettet in den Kontext der Olympischen Winterspiele 1994, einer Zeit, die absolut authentisch anhand von Ausstattung und Mode wieder zum Leben erweckt wird.
Kein Zufall, dass dieser widerspenstige Ansatz die Person Tonya Harding im Endeffekt doch wieder perfekt beschreibt, denn es sind ja gerade die widersprüchlichen Aussagen aus den Interviews mit ihr, ihrer Mutter und ihrem Ex-Mann, die überhaupt dazu inspirierten, die Disziplin "Biopic" so radikal neu anzugehen. Robbie, Stan und Janney mögen postmodern wie frühe Tarantino-, Ritchie- oder eben Coen-Charaktere erscheinen, doch selbst dies passt ja zum behandelten Zeitabschnitt, der zugleich die Erfolgsstunde von "Pulp Fiction" und seinen Thronfolgern war. Die Ambivalenzen, die man gegenüber Harding empfindet, liegen folglich nicht bleischwer im Magen, sondern gehen mit dem befreienden Gefühl einher, dass nicht immer alles bis ins letzte Detail aufgelöst werden muss. Scheiße passiert eben manchmal einfach.
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