Review

Auf der Leinwand lebst du weiter 

Er hat dem Xenomorph in die Augen geschaut, bei den Repo Men mitgemischt und ist in seiner einzigen Hauptrolle mit Wim Wenders durch Amerika gezogen - Harry Dean Stanton, Charakterkopf, lebenslanger Nebendarsteller, unvergesslicher Typ. Einer, den man nie lange sieht und dennoch nicht vergisst. Letzten September verstorben, mit "Lucky" zu einer wohlverdienten letzten Ehrung gekommen, die so mancher Hauptdarsteller-Hollywood-Legende nicht vergönnt war. Eine lockere und tiefgründige Charakterstudie, ein Western der Worte und Weisheiten. Ein Abgesang an einen Helden aus zweiter Reihe. Wundervoll beruhigend und mutmachend, die Angst vor dem großen Nichts, der Ungewissheit und dem Tod leger wegschiebend. In einer hektischen Zeit, real wie filmisch, ist "Lucky" eine seelenruhige Wohltat. Er hat es nicht eilig. Wer hat das auf diesem einsamen Weg auch schon. 90 ideal genutzte Minuten. Nichts passiert und Langeweile bleibt trotzdem Fremdwort.

Wir folgen dem alten Lucky und seinem Alltag mit fast 90 im amerikanischen Wüstenhinterland. Trotz vielen breitbeinigen Märschen durch sein kleines Kaff und regelmäßigen Yoga-Übungen am Morgen fällt er eines Tages auf den Hintern. Es hat 12 geschlagen. Und nun wird es Zeit für den alten Sturkopf und Atheisten, sich mit dem womöglich anstehenden Tod zu beschäftigen... Es sind Tränen der Trauer wie der Freude. HDS spielt sich beinahe selbst und den Blick, den er Gevatter Tod zuwirft, musste er wohl kaum aufsetzen. Das ist tragisch, trockenhumorig und schmerzhaft ehrlich. Ein Film muss auch ohne Einbindung in reale Vorkommnisse und das aktuelle Zeitgeschehen bestehen. Das tut "Lucky". Doch als Filmfans kann man die Nostalgie und vielen schönen Stunden, oder eher Momente, die uns dieser knochige Mann beschert hat, einfach nicht von diesem staubigen Schwanengesang trennen. Muss man auch nicht. Als Sahne und Kirschen gibt es obendrauf ein Soundtrack inklusive Johnny Cash, David Lynch in einer prägnanten Nebenrolle und eine chillige, entlaufene Landschildkröte auf eigener Mission. Was braucht die Leinwand mehr.

Fazit: "Lucky" strikes - eine erhaben-entschleunigte Ode an einen von Hollywoods größten Kleinen. Charismatisch, figurenfixiert, charakterstark. Ein Film über nichts und alles. Elegantes Nichtstun, philosophisches dem Tod Entgegenächeln. Harry, Danke!

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